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Prezident – “Alice” – Interview & Exclusive

5 Juni 2009


Prezident


Bereits am 10.11. des vergangenen Jahres stellte der Wuppertaler Whiskey-Rapper Prezident sein Mixtape “Alice” zum kostenlosen Download bereit. Titel wie “”Keiner kommt ungeboren davon” und “Du hattest nie das Zeug dazu” zeigen bereits die Richtung, die Prezident mit seiner Musik einschlägt. Inspiriert von Charles Bukowskis Lebenswerk, einem Gedicht von Gottfried Benn und dem gleichnamigen Album “Alice” von Tom Waits erwarten den Hörer insgesamt 14 Tracks über Gott und die Welt. Wir sprachen mit dem Wuppertaler über sein Video zum Mixtape, Soundtracks, MySpace und die hiesige Deutschrap-Szene.


Dein letztes Mixtape “Alice” ist jetzt schon über ein halbes Jahr her – wie war das Feedback?

Quantitativ geringer als beim Katechismus, weil ich diesmal im Prinzip gar keine Promo gemacht habe und es ja auch keine Reviews gab zum Beispiel. Das Feedback an sich war eigentlich durchweg gut, viele fanden es besser als das Album, manche fanden es lyrisch schlechter. Aber passt schon, ich kann beide Seiten verstehen. Deckt sich im Grunde mit meiner eigenen Meinung.


Zu dem Track “Bleib bloß bei Bewusstsein” hast du ein Video gedreht, dein erstes überhaupt. Da man hinterher immer schlauer ist – war es ne gute Idee?

Gute Frage. Tobi meinte mal, meine Tracks seien allesamt perfekt geeignet, untergrundige Kurzfilme dazu zu drehen. Das klang damals in meinen Ohren logisch, aber mittlerweile bezweifle ich das ein bisschen. Bei so einem Storyteller, der eh schon textlich sehr filmmäßig geraten ist, kann eine visuelle Umsetzung dann schnell sehr obsolet geraten. Dazu kommen dann halt ein paar handwerkliche Schwächen, die wir hätten besser machen können, aber im Endeffekt wird das nicht das letzte Video gewesen sein und somit fällt das alles unter Lehrgeld. Bin schon froh, das gemacht zu haben. Ich finde halt auch, dass das Kamikaze-Video schon einen guten Schritt nach vorne darstellt, was die Umsetzung angeht. Da ist also noch Luft nach oben.


Was würdest du im Nachhinein anders machen?

Hmmm, gute Frage. (überlegt) Die Grundidee mit der statischen Kameraperspektive hat sich im Endeffekt negativ ausgewirkt.


War es von Anfang an geplant, das Ganze in schwarz/weiß zu machen?

Also die Grundidee meinerseits war diese, dem Ganzen einen etwas youporn-mäßigen Look zu verpassen. Beim Endergebnis war ich dann unzufrieden mit der Farbgebung und wir haben die Farben fast komplett runtergedreht, es ist ja nur sehr blass und nicht wirklich schwarz-weiß. Im Endeffekt war damals auch der Gedanke, einfach mal zu gucken, wie man mit wenig Aufwand was möglichst Geiles hinbekommt.


Der Track zum Video hat ein Lied vom Oldboy-Soundtrack als Instrumental. Stammte daher die Idee mit der Folter-Thematik oder kam der Beat erst später dazu?

Der Beat kam erst später, die erste Version vom Track hatte ich auf dem “Bonnie & Clyde”-Intrumental von Jay-Z aufgenommen.




Hörst du sonst auch viele Soundtracks?

Doch, schon. Meine Samples stammen ja auch eigentlich fast ausschließlich von Filmsoundtracks.


Beispiele?

Ausm Nähkästchen plaudern, ein bisschen? “Fickfilm” is aus irgendeinem Kungfu-Film, “Stendhal Effect” benutzt ein Sample aus “Schindlers Liste”, “Was lange gärt” von irgendeinem James-Bond-Streifen, das “Abkratzen”-Instrumental ist aus einem der Alienfilme, paar Computerspiele sind auch da. Diese Soundtrack-Rubriken sind eigentlich die Sparten, die ich abgrase, wenn ich Torrents runterlade. “Der Regenmacher” ist aus Terminator und der Fliege.


Mein Favorit ist bisher ja dieses Amelie-Ding.

“Amelie” habe ich auch ohne Ende verwurstet, kann man teilweise auf nem Kamikaze-Brothers-Demo aus dem Jahre 2004 nachhören. Aus diesem Harmonika-Sample hatte ich dann ein Beat gelegt, den ich als zu schlecht befand, um ihn zu nehmen. Der selbe Beat nochmal in bedeutend schlechter ist bekanntermaßen auf “Vom Bordstein bis zur Skyline” zu hören.


“Nachtclub” ist eine modernisierte und musikalische Umsetzung von Gottfried Benns “Nachtcafé”, einem expressionistischen Gedicht. Wieso ausgerechnet dieses?

Weil es sich angeboten hat. Die grundsätzliche Idee war halt gut geeignet, sie nochmal aufzubereiten. Ist ja nicht wirklich als Hommage oder so gemeint, die Idee ist einfach geil und konnte gerne eine zweite Behandlung erfahren.


“Zu Jim inne Wanne” wiederum spielt auf den Tod von Jim Morrison an. Wie kann man sich die Verbindung von dir zu ihm bzw. The Doors vorstellen?

Gar nicht weiter, bin nur Fan der Musik. Und das Bild ist natürlich schön. Das von Cobains Ende ist ja ein bisschen arg durchgenudelt.


Auf “Alice” finden sich Eigenproduktionen und Ami-Beats – wonach entscheidest du das?

“Alice” bin ich ja von vornherein als Mixtape mit fremden Beats angegangen, insofern wurde da einfach gemacht und gut ist. Davor habe ich ja immer irgendwie Songs zurückgehalten, welche fürs Album aufgespart oder welche gehabt, die fürs Album nicht gut genug waren, bei “Alice” habe ich einfach nur noch gemacht und rausgehauen. Und die Arbeitsweise bewahre ich mir bei ab jetzt, habe ich beschlossen.


Also keine Konzepte mehr wie beim Katechismus?

Naja, das hatte ja auch kein richtiges Albumkonzept. Und umgekehrt, n roten Faden wird jedes Album haben, das ich mache, die sollen schon in sich schlüssig sein. Das gilt aber genauso für “Alice” und für jedes Mixtape, was dem folgen wird. Ich meine mehr, dass ich mir nicht mehr so doll nen Kopf machen will wie beim Katechismus. Was den roten Faden angeht, bin ich auch schon jedes Minimixtape wie ein Album angegangen, einfach Tracks aneinanderreihen ist es bei mir nicht.



Prezident live


Inwiefern hat dich MySpace genervt, dass du sogar so weit gegangen bist und deinen Account gelöscht hast?

Ach, ich weiß nicht, war so ne spontane Aktion. Myspace is halt ein bisschen eklig. Das hatte damals gar nichts mit großem Stress oder Nerverei zu tun, aber dieses ganze Gegenseitig-einen-vormasturbieren, sich gegenseitig in die Gästebücher seine Promo reinklatschen oder dieser Bulletinterrorismus ist halt irgendwie nicht meine Welt. Deshalb habe ich das ja auch nie genutzt, hab da nie drüber Kontakte geknüpft oder so. Und dann wollte ich halt konsequent sein und raus da. Darüber hinaus hatte das auch ganz allgemein damit zu tun, dass mir die Verbreitung meiner Musik nichts mehr groß bedeutet.


Wo wir bei Kontakten sind – deine Features sind größtenteils aus deinem eigenen lokalen Umfeld Wuppertal. Woran genau liegt das?

Mir ist lustigerweise letztens aufgefallen, dass ich irgendwie – außerhalb Berlins, die sind irgendwie n Sonderfall – fast jeden oder zumindest den absoluten Großteil der relevanten deutschen Untergrundacts über eine Ecke kenne und nicht einen einzigen persönlich. Liegt wohl daran, dass ich es nicht drauf anlege, da Jemanden kennenzulernen und ja leider, nach wie vor, live so wenig rumkomme.


Im letzten Interview hast du die Prognose getätigt, viele werden in die Whiskeyrap-Richtung gehen – zeichnet sich da schon was ab?

Um ehrlich zu sein, nicht mehr als damals. Muss bis auf weiteres als narzisstische Fehleinschätzung gelten.


Du schriebst in einem Forum in etwa “Glücklichsein kann einen darin einschränken, meinen Kram unbeschwert zu genießen.” Ist das zwingend ein Teil von “Whiskeyrap” oder sind es vielleicht ganz andere Dinge, die dein selbst geschaffenes Genre ausmachen?

Nee, sind andere Dinge. Ich bin ja selbst schon was länger ein insgesamt doch recht glücklicher Mensch.


Das kommt in der Musik aber eher weniger rüber…

Das kommt auf die Lesart an. Ich finde wenig von dem, was ich mache, ungebrochen depressiv. Dass ich mich persönlich viel besser fühle als noch vor ein paar Jahren, ist ja auch mehr und mehr explizit Thema.


Was denkst du wie die Szene sich kurz- und langfristig entwickeln wird? Momentan gibt es ja den Elektro-Rap-Trend.

Ich denke, es gibt keine Szene in dem Sinne mehr. Im Endeffekt haben doch Toni der Assi und Dynamite Deluxe musikalisch wie inhaltlich weniger gemeinsam als, sagen wir mal, The Doors und Landser. Was so unter HipHop subsummiert wird, leidet auch stark daran, dass es einerseits so zersplittert ist, andererseits immer noch stark als ein großes Ganzes begriffen wird. HipHop ist heute alles und nichts, so kreativ und vielfältig wie nie zuvor, aber steht größtenteils ohne vernünftige Szenestrukturen oder geschlossene Fanbase da. Solange so einzelne Trends wie der Elektroraptrend es nicht schaffen, eine neue, eigene Szene zu bilden wie es in England durch Grime geschehen ist, solange wird dieser Zustand erhalten bleiben. Achja, und Amiland hat uns ja in Sachen Whackness schon was länger überholt und wird diesen Vorsprung höchstwahrscheinlich weiter konsequent ausbauen.


Was genau macht für dich Technik aus? Es gibt eine Aussage von dir, die Maeckes & Plan B dabei über Kollegah stellt, was wohl einem Großteil der Raphörer zuwider ist.

Schwierige Frage. Der Begriff Technik suggeriert Objektivität oder Vergleichbarkeit außerhalb rein subjetiv-ästhetischer Kriterien und die kann es meiner Meinung nach nicht geben. Strenggenommen gibt es für mich überhaupt keine Technik als Kriterium: Wenn zum Beispiel der alte Sido mit seinem schusselig-dahergestolperten Flow fresher klingt als ein sich offensichtlich an Endlosreimkombos und Tempowechseln und pipapo streberhaft abmühender F.R., führt das ja alles Technikgerede ad absurdum. Kunst soll ja von Können kommen: Alles scheiße. Kunst kommt von machen. Wenn etwas so simpel ist, das jeder es gekonnt  hätte, dann ist trotzdem die coole Sau einzig und allein derjenige, der es dann auch gemacht hat.


prezident bank


Andererseits ist das wie mit Intelligenz: Eigentlich macht der Begriff keinen Sinn bei genauerer Betrachtung, umgekehrt verwendet man ihn ja doch und meint etwas damit. Also – Kollegah ist schon kein schlechter Rapper. Aber genau wie den meisten MCs heutzutage vermisse ich bei ihm einfach Drive und Dynamik. Technisch – da ist es wieder, das sinnlose Wort – war Rap ’99 insgesamt auf einem höheren Level; die üblichen Verdächtigen wie Dende, Curse, Samy, Aphroe, Max oder auch die späten Stiebers hatten viel mehr und vor allem natürlicher mit Melodien gespielt, mit Assonanzen, komplexeren Binnenreimstrukturen und das, ohne dabei aufgesetzt zu klingen. Das macht für mich Technik aus. Die meisten heutigen Rapper reihen einfach nur immer gleich geflowte, austauschbare Zeilen aneinander, die schreiben gar keine richtigen Strophen mehr. Und umgekehrt, die Rapper, die einen auf Techniker machen, wie paradigmatisch Olli Banjo oder Savas, wirken dabei total affig und übertrieben. Also finde ich. Ist letztens Endes natürlich auch Geschmackssache.

Was kann man der Zukunft von dir auf musikalischer Ebene erwarten?

Eigentlich nix Dolles. Wie sich abzeichnet, mehr auf Bojanglez-Beats als vorher, weil ich selber zwar wieder angefangen habe, aber immer noch nicht so besonders viel und gerne produziere. Ansonsten versuche ich den Azad-Asphalt-Effekt zu vermeiden und mich nicht zu sehr zu wiederholen auf den nächsten Releases.


Viele Fans wünschen sich mehr Songs mit Bobby Fletcher.

Ich wünsche mir auch mehr Songs mit Bobby Fletcher. Und ein Bobby Fletcher-Album. Bobby ist leider ein notorischer Umschmeißer und Neuschreiber, das erschwert die Sache ein wenig. Frag ma den Bojanglez. Wir haben aber mindestens eine unfassbar gute Idee, die wir zusammen umsetzen wollen und vielleicht will er ja irgendwann mal einen Part zuviel nochmal überarbeiten und ich raste aus und fessel ihn an seinen Brusthaaren in die Gesangskabine und wir machen ein Freunde-der-Sonne-mäßiges Kollaboalbum.


Um die Tradition nicht zu brechen: Wir haben in unserem ersten Interview deine Top 5 Whiskeymarken und Filme aufgezählt. Deine aktuelle Top 5 in Sachen Literatur?

Im irgendeinem Forum hatte ich irgendwann mal aus Langeweile meine 10 Lieblingsromane gepostet. Oben müsste Irvine Welsh mit Trainspotting sein, dann Bukowski mit seinem Lebenswerk, Gabriel Marquez mit 100 Jahre Einsamkeit, Kafka mit seinem Lebenswerk und dann, glaub ich, Palaniuk mit Fight Club oder Rushdie mit den satanischen Versen. Wobei, streich das Letzte, am Ende werd ich noch geanschlagt.


Dann danke ich für das Interview und die letzten Worte gehören wie immer Dir.

Boah, letzte Worte wieder, voll bedeutungsschwanger. Nun denn: Ladet euch das formidable Kamikaze-Album runter. Kommt zu einem meiner zwei Gigs in den nächsten paar Monaten. Und tut nichts, was ich nicht auch tun würde.


(mh)


Prezident – Selig (meinrap.de Exclusive)


Prezident – Alice Download

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