Kollegah & Farid Bang – Jung, Brutal, Gutaussehend (Battle of the Ear)

Ein Album – Zwei Meinungen. Das über Selfmade Records erschienene “Jung, Brutal, Gutaussehend” von Kollegah und Farid Bang spaltet nicht nur die Deutschrap-Fans, sondern auch unsere Redaktion…
Auf seinem letzten Soloalbum tönte Kollegah selbstbewusst: “Ne Menge Wirbel um mich als wäre ich Rückenmark“. Auch für das nachfolgende Release, für das sich das Selfmade-Aushängeschild den Newcomer Farid Bang aus dem German Dream Lager mit ins Boot holte, behält die Line durchaus ihre Gültigkeit, der Hype im Vorfeld war enorm.
Dass sich hier zwei Rapper gesucht und gefunden haben, zeigt schon die Tracklist: “Banger und Boss“, “Alphamassaka“ und “Die Härtesten im Land“ spielen nicht nur im Titel, sondern auch in den Texten auf die früheren Releases der beiden Rapper an und machen klar, dass der Akt am Mikro nun als Team bestritten wird. Gleichzeitig zeigt ein weiterer Blick auf die Tracklist auch: Wer Abwechslung sucht, sollte von diesem Album lieber die Finger lassen. Selbst “Flaschen auf den Türsteher“ entpuppt sich nicht als der potenzielle Club-Storyteller, den der Titel vermuten lässt. Als “asozialstes Deutschrapalbum ever“ angekündigt, wird auf diesem Album keine Zeile damit verschwendet, mal nicht auf die Kacke zu hauen – was anderes will man von den Beiden aber auch gar nicht hören.
Entsprechend fallen auch die Beats aus. Stampfende Synthies, Glocken und Chöre – die übliche Untermalung von Kollegah-Tracks wird strikt fortgesetzt, lediglich “Mitternacht“ tanzt mit Schwanensee-Sample ein wenig aus der Reihe. Trotz zahlreicher verschiedener Produzenten ist der Sound des Albums in sich stimmig und lässt einen durchgehenden roten Faden erkennen.
Raptechnisch hingegen sind einige Veränderungen festzustellen. Kollegah fickt Mütter, als ob es keinen Morgen gäbe, und stellt überraschend selten seine Doubletimekünste zur Schau. Letzteres ist mitunter eine gute Entscheidung, da Farid Bang den direkten Vergleich in Sachen Doubletime nicht scheut und leider hinsichtlich der akustischen Verständlichkeit klar verliert. Auch in Sachen Wortspiele steckt der Boss den Banger in die Tasche und zeigt Deutschrap, dass er punchline-technisch alles im Griff hat wie Schweizer Taschenmesser. Doch auch wenn Farid Bang neben Zugpferd Kollegah zu verblassen scheint, hinterlassen auch seine Texte öfter mal ein Lächeln beim Hörer. Eine deutliche Steigerung seit seinem letzten Release ist ebenfalls zu verzeichnen, sowohl technisch als auch in Bezug auf die Anzahl der Deutschrapper, denen ein paar Zeilen gewidmet werden, allen voran Samy Deluxe. Lediglich die Gesangsversuche sollte Farid trotz Autotune lieber direkt wieder aufgeben.
Fazit: Kollegah in Bestform, amtliche Beats, Farid noch nicht auf Top-Niveau, aber durchaus unterhaltsam. Wer keine Überraschungen sucht und weiß, was von beiden Rappern üblicherweise geboten wird, kann getrost zuschlagen, Freunden von Thementracks und sanfteren Tönen ist von dem Album allerdings abgeraten.
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(mh)
Nie zuvor hat Selfmade so tief in die Trickkiste gegriffen, um einen Release zu promoten. Jeden Tag irgendein neuer Promo-Stunt, von Provokation und Diss-Ankündigungen über einen Sponsoring-Deal mit der bis dato völlig unbekannten Sportmarke “Pusher” bis zum absurden Höhepunkt, der Versteigerung einer Punchline bei ebay. Der Promo-Wahnsinn lässt vermuten, hier wären die zwei größten Rapper Deutschlands aufeinandergetroffen. Leider ist dem nicht so: Der eine ist Kollegah, der durch in Foren gepostete Lyrics und am eigenen PC aufgenommene Online-Battles mit großartigen Double-Time-Passagen und sich ständig wiederholenden Gangsterboss-Motiven fast über Nacht zum Internet-Star wurde, der andere Farid Bang, dessen Rap weder technisch, noch lyrisch die Mäuse hinter dem Schrank hervorlockt, der aber wohl die fehlende Street-Credibility des RBA-Veteranen Kollegah ausgleichen soll.
Schon die Tracklist liest sich erschreckend einfallslos: “Ghettosuperstars“, “Banger und Boss“, “Sonnenbank Pimps“, “Gangbanger“, “Schwarzgeld” – fast jeder Songtitel ist eine tausend Mal dagewesene Phrase aus dem Straßenrap-Jargon. Dabei passen die Songtitel wie die Faust aufs Auge: Hier werden Frauen geschlagen, Drogen gehandelt, Goldketten verglichen und natürlich reihenweise Mütter gefickt. Die Kollegah-typischen Wortspielereien, die mich auf seinem Debut-Mixtape noch gut unterhalten haben, sind mittlerweile “schlimm wie ‘ne 6” und treiben mir nur selten auch nur ein müdes Grinsen aufs Gesicht.
Dabei gibt es durchaus gute Ansätze: Der Track “Flaschen auf den Türsteher” kommt mit sehr viel Druck und einer stimmungsvollen Hook und entfacht tatsächlich ein Bisschen Vandalismusgelüste. Das Instrumental von “Die Härtesten im Land” könnte sich problemlos auf einem Jedi-Mind-Tricks-Album einschleichen, Kollegah spielt reichlich Flowvariationen und Tempowechsel aus und auch Farid versucht sich an Doubletime-Einlagen, wobei sich seine Stimme leider krass überschlägt.
Die Beats sind allgemein gelungen, teilweise auf allerhöchstem deutschen Straßenrap-Niveau und scheinen fast verschwendet an konzeptlose Songs, die weder witzig, noch atmosphärisch, sondern einfach nur langweilig dahinplätschern. Die meisten Verse von Farid sind einschläfernd und auch der selbsternannte Boss der Bosse war schon mal um Längen witziger. Die im Vorfeld mehrfach angekündigten Sticheleien gegen Samy Deluxe und Aggro Berlin wirken nicht wie ernst gemeinte Kampfansagen, sondern eher wie verzweifelte Schreie nach Aufmerksamkeit.
Allgemein bleibt das Album weit hinter den Erwartungen zurück, die der ganze Buzz geschürt hat. Das geht besser, viel, viel besser, die Ansätze sind ja vorhanden. Von den zwei Anspieltipps abgesehen ist kein Track wirklich hörenswert. Klar: Für Kollegahs Internet-Fans liefert das Album Gesprächsstoff. Für ein echtes Straßenabitur reicht es dann aber leider doch nicht.
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(cg)



