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Back in the Days: Carlo Cokxxx Nutten

9 September 2009

 

“Deutscher Rap will ghetto werden, doch die Nutte weiß nicht, wie…”


…tönte es 2002 aus Berlin und zeigte der Szene sogleich, wie man es denn nun macht – Deutschen Rap so richtig ghetto werden lassen. “Carlo Cokxxx Nutten” verschaffte seinerzeit zweien der aktuell erfolgreichsten deutschen Rapper erstmal die Aufmerksamkeit der gesamten Rapnation und legte damit einen wichtigen Grundstein für noch folgende Karriere des Ersguterjunge-Labelchefs und seinem Freund aus Jugendjahren – doch geplant war das Album zunächst nicht.


Nach dem ersten Erfolg mit seinem “King of Kingz”-Tape hielt Bushido gemeinsam mit Sido und B-Tight nun für “Aggro Berlin” die Fahne in den Wind, mit der “Aggro Ansage Nr. 1″ präsentierte sich das Label erstmals als Einheit. Noch von den Zeiten im I-Luv-Money-Umfeld geprägt, war Bushidos Plan für das erste Release auf dem neuen Label ein Berlins Most Wanted-Album mit den Berliner Größen Bass Sultan Hengzt und King Orgasmus One. Nach Aussagen Bushidos war er topmotiviert, doch die anderen beiden Rapper legten eine solch schlechte Arbeitsmoral an den Tag, dass kurzerhand Fler konsultiert wurde, ob er für ein ganzes Album bereit wäre – und wie er es war. Unter den Pseudonymen Sonny Black und Frank White, beide aus Hollywood-Streifen entliehen, erscheint am 21. Oktober 2002 das Album “Carlo Cokxxx Nutten”.



Der Weg, der sich mit “Boss” und “Cordonsport Massenmord” bereits auf der “Aggro Ansage Nr. 1″ abzeichnete, wurde konsequent weiter beschritten, die Wir-gegen-Alle-Haltung wurde auf Albumlänge ausgedehnt. Haufenweise werden Mütter und Schwestern beleidigt, Leute abgezogen und geklatscht, es wird dem Rauschgift, den Goldketten und Lederjacken gehuldigt und geprollt, was das Zeug hält. Um die Jahrtausendwende herum nahezu revolutionäre Inhalte für die deutsche Rapszene, im Jahr 2009 Gang und Gebe – alleine daran lässt sich die Reichweite dieses Albums ablesen, das gemeinsam mit dem Bushido-Solo “Vom Bordstein bis zur Skyline” den deutschen Gangsterrap geprägt hat wie sonst nichts und niemand.


Passend untermalt wurden die Inhalte von Bushidos Beats, frisch aus der hauseigenen MPC. Unüberhörbar beeinflusst von französischem Straßenrap samplet sich der Berliner quer durch Soundtracks von James Horner bis hin zu Herbert Grönemeyer-Liedern und schraubt einen roughen, dreckig klingenden Underground-Sound und schafft damit die ideale Kulisse für den Carlo Cokxxx Nutten-Lifestyle. Nicht weniger hart in der Wortwahl als ihre Rapkollegen, reihen sich Labelkollege B-Tight und Frauenfeind King Orgasmus nahtlos in das Geschehen ein.


Doch mit dem D-Bo-Feature “Sag nicht…” und “Schau mich an” finden sich neben den zahlreichen Glorifizierungen des eigenen Lifestyles auch ein paar ernste Worte den Weg auf das Album. Während “Sag nicht…” gekonnt Battlerap mit Deepness verbindet und falsche Freunde thematisiert,  wurde mit Bushidos Solo-Track “Schau mich an” sein erster Text überhaupt vertont, der sich mit der in die Brüche gegangenen Beziehung mit seiner ersten und einzigen großen Liebe befasst. Deepe Tracks auf einem deutschen Gangsterrap-Album kamen hier noch ganz ohne austauschbare Floskeln wie “Ich leb mein Leben”, “Ich geh meinen Weg” und “Das Leben ist ne Hure” aus.



Die Erwartungen an den Nachfolger sind dementsprechend hoch. Ein ganzes Genre prägen werden Bushido und Fler damit wahrscheinlich nicht noch einmal. Das Potenzial, genau diesem Genre aber zu zeigen, wie die Originale ihre tausenden von Abziehbildern sieben Jahre nach ihrem Klassiker-Album noch immer in den Schatten stellen können, haben sie aber durchaus. Am Freitag wissen wir mehr.


(mh)


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