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Pimpulsiv - “H.U.R.Z.” - Interview

20 September 2009


Bei dem Stichwort “Rap aus der Unterschicht” denkt man aufgrund des zurückliegenden Gangstarap-Trends meist an Geschichten aus dem Ghetto, angereichert mit allerlei Gewaltszenarien und den Schlagworten “Block”, “Asphalt” und “Straße”. Pimpulsiv zäumen das Pferd von hinten auf und bilden damit laut eigener Aussage “das Sprachrohr für eine Jugend geprägt von Komasaufen, Youporn-Clips und exzessivem Nihilismus” und schreiben sich “Musik für Hartz4-Empfänger, Kinder mit Kindern und Minderbemittelte mit RTL-Realityshow-Erfahrung” auf die Fahne. MeinRap.de sprach mit Skinny Shef und Timi Hendrix über ihr kürzliches erschienenes Downloadalbum “H.U.R.Z.”, Drogenkonsum und ihr neues Label “Trailerpark”.



Ihr habt kürzlich das Album „HURZ“ als Download rausgebracht, nachdem gute 2 Jahre nach „Hoetry“ außer ein paar Features nichts von euch zu hören war. Was habt ihr in der Zeit getrieben?


Skinny: Wir waren auf jeden Fall nicht völlig untätig, haben ein paar Exclusive-Tracks gemacht, waren öfters mit Casper unterwegs und für das Album haben wir ja auch gearbeitet. Außerdem habe ich mich dem Online-Poker gewidmet. Ach ja, studieren musste ich auch noch.

Timi: Ich habe Hartz4 empfangen. (lacht)


Wie lange habt ihr an dem Album gesessen?


Timi: Kann man nicht so genau sagen, da wir in den letzten 2 Jahren nur gelegentlich Songs aufnahmen und nicht konstant an dem “H.U.R.Z.”-Projekt gearbeitet haben. Zum Schluss haben wir dann aus diesen Tracks unsere Favoriten rausgefiltert, aber wie lange wir dann für das ganze Ding gebraucht haben, kann man wirklich nicht sagen, weil wir dazwischen auch monatelang untätig waren.

Skinny: Für einen Hartz4-Empfänger nicht schlecht formuliert. (lacht)


An welchem Punkt und aus welchen Gründen habt ihr dann entschieden, dass es ein Download-Album wird?


Skinny: Wir waren halt ohne Label und dachten, dass mal endlich wieder was von uns veröffentlicht werden sollte. Und das Ganze dann als Free-Download anzubieten, war dann der einfachste Weg. Und außerdem waren die Songs, bis auf “Assis” und die bereits veröffentlichten Exclusives, unserer Meinung nach nicht würdig, auf einem im Handel erscheinenden Tonträger angeboten zu werden.

Timi: Die Leute haben uns auch ständig angeschrieben und meinten, dass sie mal wieder was Neues von uns hören wollen. Da wir 2 Jahre nichts gemacht haben, dachten wir, es sei vielleicht besser, erstmal wieder auf uns aufmerksam zu machen und ein Lebenszeichen zu geben und so den Leuten zu zeigen, dass wir noch musikalisch aktiv sind. Und ein Download-Album bot sich da einfach am besten an.


Nebenbei hatte Timi eine Klage wegen dem Text zu „23“ am Hals und meinte in der JUICE, er wird seine Musik niemals wegen Klagen oder Ähnlichem verändern. Die Zeile „Falls der Hurensohn noch lebt, kommt aus Dusche und Bidet pures Zyklon B“ dürfte für viele Hörer aber schon wieder sehr anstößig sein.


Skinny: Ach so, die Juice ist schon draußen?! Haben wir noch gar nicht gelesen.

Timi: Ich finde als Künstler sollte man sich nicht einschränken lassen, egal von welcher Institution oder wem auch immer, da Kunst nur authentisch sein kann, wenn man sich keine Grenzen stecken lässt. Aber auch ich hab moralische Prinzipien. Zum Beispiel würde ich nie irgendwelche pädophilen Sprüche in Songs bringen, nur um um jeden Preis zu provozieren und mich durch kontroverse Inhalte ins Gespräch zu bringen. Ich bin weder Rassist noch Antisemit.

Skinny: Aber du hattest doch auf der “Hoodstock”-EP im Intro diesen Spruch mit Marc Dutroux und Tokio Hotel. (lacht)

Timi: Ja, ok. Aber da waren wir auch auf Koks. (lacht)


Gibt es sonstige Tabus, die ihr nicht brechen wollt?


Timi: Ich würde nie Skinnys Mutter ficken. (lacht)

Skinny: Und das beruht auf Gegenseitigkeit.


Timi, du meintest, du willst nicht provozieren nur um zu provozieren. Wo macht Provokation für euch denn Sinn?


Timi: Da jetzt eine Sinnfrage zu stellen ist schwierig, da unsere Texte meistens sinnfrei sind. Wir gehen auch nicht mit der Einstellung an Tracks und sagen uns: “Das muss jetzt auf jeden Fall provozieren und total sick sein.”

Skinny: Würden wir jetzt politische Songs produzieren, würde es vielleicht Sinn machen zu provozieren, da man dadurch auf gesellschaftliche Missstände aufmerksam machen kann. Aber sowas machen wir ja nicht. Wir provozieren nicht um zu provozieren, sondern wir provozieren durch das, was wir sowieso schreiben.


Da steht ja das Thema Drogen recht weit oben auf der Liste. Was war euer erster Kontakt mit Drogen und aus welchen Gründen nehmt ihr sie heutzutage?


Timi: Mein erster Kontakt zu Drogen war Skinny. Er saß grün angelaufen neben seinem Skateboard, weil er den Qualm beim Bongrauchen verschluckt hat, und hat immer nur gesagt: “Ooohhh, ich bin sooo high.” Und ich dachte: “Ich will auch dazu gehören.” (lacht) Dann hab ich halt irgendwann mit meinem Stiefbruder auch mal gekifft und wurde zu dem was ich heute bin. (lacht lauter) Aber eigentlich will ich gar keine Drogen mehr nehmen, mach es aber trotzdem. Und dann mach ich Songs darüber.

Skinny: Mittlerweile laufe ich nicht mehr grün an, nachdem ich ‘ne Bong geraucht habe. Man ist halt jung und neugierig und will alles mal testen. Freunde haben gekifft und ich hab mitgezogen, dann kam das eine zum andern. Inzwischen teste ich Weed circa 14 Jahre. Eine lange Testphase.

Timi: Zu welchem Ergebnis bist du gekommen?

Skinny: Ich bin depressiv, meine Sperma-Rationen wurden kleiner und meine Klamotten stinken permanent.

Timi: Ach so, also wie bei mir. (lacht)


Die Gründe, wieso ihr Drogen nehmt, wurden aber jetzt noch nicht ganz klar.


Skinny: Da gibt es auch keine Gründe. Das tun wir grundlos.

Timi: Dass die Antworten jetzt so oberflächlich sind, hat auch seine Gründe, weil man sonst zu viel von seinem Privatleben preisgeben würde. Außerdem käme das Interview dann einem Therapiegespräch gleich.

Skinny: Und wir versuchen ja auch permanent vom Kiffen und von den anderen Sachen loszukommen. Aber dann dürfte ich mit Tim nichts mehr zu tun haben.

Timi: Und ich nichts mit Skinny.



Wie passt ein Track wie „Lass die Finger von…“ in das Konzept der restlichen Tracks, die ja zum Großteil dem Rauschgift huldigen? Bemüht ihr euch, wenigstens ab und an mit solchen Tracks in die Vorbildrolle zu schlüpfen?


Skinny: Eine Vorbildrolle wollen wir jetzt nicht übernehmen. Aber wir sind immer noch Leute die normal denken und wir wissen ja auch, dass der Konsum von Drogen schadet.

Timi: Die Medaille hat ja immer eine Kehrseite. Es ist klar, dass wenn man auf XTC ‘ne Party feiert, einem alles super gefällt, aber am nächsten Tag geht es einem mental doppelt so schlecht. Deswegen sollte man einfach jeden Tag XTC nehmen. (lacht)

Skinny: Außerdem ist unsere Musik ja auch nicht Pro-Drogen, sondern zeigt, was Drogen aus einem machen können. In eurer Review wurde das treffenderweise als “Versager-Rap” bezeichnet. Aber stimmt, “Lass die Finger von…” passt gar nicht ins Konzept. (lacht)

Timi: Und der Beat ist auch voll scheiße.


Also versteht ihr euch eher als Antihelden beziehungsweise Anschauungsobjekte, wie man nicht werden sollte?


Skinny: Ja, so kann man das sehen. Wir sind tragische Figuren in einer Komödie, geschrieben von Gott.

Timi: Beim Schreiben denken wir auch gar nicht an die Menschen, die unsere Musik hören. Wir denken ja eh, dass keiner unsere Musik hört.


Skinnys Antwort führt mich zu einer weiteren Frage: Auf „Friendly Fire“ beleidigt ihr euch quasi gegenseitig und versucht sogar bei Gott, den jeweils Anderen schlecht zu machen. Seid ihr gläubige Menschen oder ist das nur Symbolik?


Skinny: Ich kann von mir nicht sagen gläubig zu sein. Ich gehe nicht in die Kirche und glaube auch nicht, dass die Welt durch ein höheres Wesen erschaffen wurde. Ich bin eher Atheist.

Timi: Ich bin auch eher atheistisch eingestellt und kann mit Religion nicht so viel anfangen. Und Gott ist bei “Friendly Fire” eher als symbolische höhere Macht gemeint.

Skinny: Wir hätten in der Hook auch “Hallo Bjet sagen können, nur damit hätten wahrscheinlich die meisten nichts mit anzufangen gewusst.


Um mal gleich bei Bjet zu bleiben: Ihr habt im Vorfeld zum Album den Track „Ehrlich mal jetzt“ über Bjet als Teaser veröffentlicht. Nun kennen viele Leute Bjet gar nicht und ihr habt auch schon eingeräumt, dass viele Fans den Track nicht verstanden haben - würdet ihr im Nachhinein doch einen typischeren Pimpulsiv-Track dafür nehmen?


Timi: Ja, wir haben mit Bjet auch schon darüber gesprochen und sind alle drei der Meinung, dass das eine Fehlentscheidung war. “Niemand mag” hätte sich beispielsweise besser geeignet.

Skinny: “Ehrlich mal jetzt” ist wahrscheinlich nur dann cool, wenn man Bjet auch kennt.


Ich hab ihn als einen Menschen kennen gelernt, dem man irgendwann “Du hast mir jetzt langsam oft genug gedankt” sagen muss.


Beide: Ja, genau. So ist er, der Bjet. Der höflichste Mensch auf Erden.


Ihr habt in mehreren Interviews gesagt, dass ihr nachdenkliche Songs für euch schreibt, die ihr aber nicht rausbringt. Dennoch habt ihr mit „Terra Pi“ bereits einen sehr persönlichen Track veröffentlicht. Wonach entscheidet ihr das?


Skinny: “Terra Pi” ist ja auch schon länger her und da hatten wir diese Einstellung noch nicht. Soll aber nicht heißen, dass es nie wieder persönliche Songs von uns zu hören gibt. Momentan haben wir das aber nicht vor.

Timi: Die Entscheidung fällen wir aus dem Bauch raus und holen uns Feedback in unserem Freundeskreis.


Ihr habt das Label „Trailerpark“ mit den Jungs von DNP gegründet. Kanntet ihr deren Musik schon, bevor sie euch angeschrieben haben?


Timi: Nein. Wir haben uns DNP erst angehört, nachdem sie uns angeschrieben haben, und die Songs gefielen uns. Außerdem haben wir uns auf Anhieb gut verstanden und hatten das Gefühl, dass das passt.


Und wieso der Name “Trailerpark”?


Skinny: Weil wir “7 Meter Schwanz”-Records doof fanden.

Timi: Und meine Mutter hätte dann keine Labelshirts anziehen wollen.

Skinny: Uns fiel einfach nichts besseres ein. Nein, Trailerpark passt ja auch ganz gut zu der Thematik unserer Texte. White Trash und so weiter.

Timi: Der Trailerpark ist das Sammelbecken für das Prekariat.


Wenn man zurzeit ein Label gründet, muss man sich nahezu schon standardmäßig die Frage gefallen lassen, ob das in der aktuellen Situation des Musikmarktes überhaupt Sinn macht.


Skinny: Nö, Sinn macht es nicht. Auf jeden Fall macht es keinen Sinn, dies zu tun, um das große Geld zu scheffeln.

Timi: Wir haben ja auch schon in der Pressemitteilung erklärt, dass wir ein Label sind, das eigentlich kein Label ist. Aber für uns war es trotzdem der beste Weg, weil wir keine Straßenverkäufer sind. Außerdem haben wir auch gar nicht das Ziel zu charten oder mit der Musik eine existenzielle Grundlage zu schaffen, dafür sind wir viel zu sehr Realisten.


Könnt ihr euch weitere Signings vorstellen?


Skinny: Im Moment nicht. Erstmal veröffentlichen nur DNP und Pimpulsiv über Trailerpark. Aber wer weiß, wie der Laden laufen wird und was noch kommt.


Hattet ihr einen Plan B, wenn Trailerpark nicht zu Stande gekommen wäre?


Timi: Nein, hatten wir nicht. Wir hatten ja nicht mal einen Plan A. Trailerpark hat sich spontan ergeben.


Ich habe gelesen, ihr habt einen Labelsampler in Arbeit - könnt ihr uns darüber schon ein paar Infos geben?


Skinny: Über ungelegte Eier sollte man nicht sprechen. Sonst redet man vielleicht über Dinge, die dann nicht verwirklicht werden, aus welchen Gründen auch immer. Aber der Sampler wird kommen, im Winter.

Timi: Wenn alles gut läuft, landet er unter euerm Weihnachtsbaum.


Neben den damit zu erwartenden Kollabos mit DNP stammten eure Featurepartner meist aus dem gleichen Umfeld - kann man in Zukunft auch mit anderen Features rechnen, habt ihr da Wünsche oder Pläne?


Skinny: Wünsche haben wir schon, aber das Leben ist ja kein Wunschkonzert. Sehr wahrscheinlich werden die üblichen Featuregäste dabei sein, so wie bei jedem Pimpulsiv-Release.

Timi: Wir nehmen auch lieber Tracks mit Leuten aus unserem Freundeskreis auf, als irgendwen, mit dem wir überhaupt nichts zu tun haben, zu kontaktieren, nur um dann einen größeren Namen an Bord zu haben. Promomäßig wäre das wahrscheinlich besser, aber das ist nicht unser Ding. Obwohl ich gerne mal einen Track mit SD machen würde, weil ich den schon immer übelst gefeiert hab.


Wie steht es um ein neues Pimpulsiv-Alben für die Läden?


Skinny: Daran arbeiten wir. Geplant ist die Veröffentlichung für Frühjahr 2010. Ein Viertel der Tracks liegen schon auf Bjets Festplatte.


Dann danke ich euch für das Interview und die letzten Worte gehören euch.


Skinny: Wir danken auch. Letzte Worte in einem Interview sind irgendwie behindert. Geht auf trailer-park.info und meldet euch dort im Forum an.

Timi: HURZ!!!


 

Download: Pimpulsiv - “H.U.R.Z.”

MeinRap.de-Review: Pimpulsiv - “H.U.R.Z.”

“H.U.R.Z” - Albumthread

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(mh)