Sido – Aggro Berlin (Review)

Spätestens seit Ende 2003 ein Weihnachtslied der ganz anderen Art wie ein Lauffeuer durch die Hiphop-Szene ging, war die verchromte Totenkopfmaske das Markenzeichen von sido, dem selbsternannten superintelligenten Drogenopfer. Im Laufe seiner Karriere ließ sido die Maske immer öfter fallen: Die Musik wurde persönlicher, mutig präsentierte sido nicht mehr nur die harten Töne der metallenen Fratze, sondern auch die weichen Züge von Paul Würdig, dem Mann hinter der Maske. Zur Eröffnung des neuen Albums sperrt sido die Maske nun endgültig in den Schrank, um den Beweis anzutreten, dass er auf sein pöbelndes Alter-Ego nicht länger angewiesen ist.
Die Entscheidung, die Maske im Schrank zu lassen, traf er jedoch nicht allein: Als Aggro Berlin im Frühjahr für immer seine Pforten schloss, blieben die Rechte an der Maske bei Ex-Aggro-Chef Specter. Trotz oder gerade wegen der rechtlichen Reibereien setzt sido mit dem Albumtitel ein Zeichen. Nicht das Label, sondern die Künstler haben Aggro Berlin zu der Marke gemacht, die “achtbare acht Jahre” den deutschen Rap fest im Griff hatte. “Mein eines Auge lacht, mein anderes Auge weint” – auf Schwarzweißfotos präsentiert sido sich und sein Gefolge im Look des frühen 20sten Jahrhunderts und huldigt damit der Vergangenheit. Einzig die modernen Turnschuhe und Sportwagen, die sich in die Fotos geschlichen haben, sind Zeugen der Gegenwart, vielleicht sogar einer schillernden Zukunft.
“Aggro Berlin” ist gleichermaßen Abschied und Neuanfang. Im Schnelldurchlauf führt “sido” den Hörer durch die Ereignisse der letzten Jahre und die heutige Situation in der deutschen Rap-Szene:
“Samy singt, Tua auch, komisch die Fans lieben es / und Savas sagt von sich schon, dass er hängengeblieben ist./ Ich versteh das nicht, es geht nicht in meinen Kopf / was ist bloß passiert mit deutschem Hiphop seit ‘Mein Block’?”
Immerhin: sido hat immer noch Spaß an dem, was er tut, und das merkt man ihm wirklich an. Egal, ob persönliche Geschichten wie der Singleauskopplung “Hey Du!” oder die fiktive Feier zu seinem “Geburtstag” – sido ist immer noch hungrig und zu großartigem Storytelling fähig.
Auch musikalisch knüpft sido ein wenig an vergangene Zeiten an. Bei “Für Jeden” führen sido, Alpa Gun und B-Tight den Hörer durch die Straßen Berlins. Bei “Ich bereue nichts” wird die eigene kriminelle Vergangenheit gemeinsam mit G-Hot aufgearbeitet. “10 Jahre” vereint schließlich die Sekte im Studio, um die vergangenen Jahre zu feiern und mal wieder gepflegt rumzupöbeln – Kampfansagen in Richtung Kollegah und Farid Bang inklusive. Die Songs sind allesamt sehr düster und aggressiv und richten sich wohl vor allem an die eingefleischten Aggro-Berlin-Fans. “Das ist für Berlin, das ist für meine Gegend, / das ist für die, die uns verstehen, das ist nicht für Jeden.”
Gemeinsam mit K.I.Z. wird “Der Tanz” zelebriert und gekonnt das männliche Balzverhalten auf die Schippe genommen. “Du musst am Rand rumstehen, wenn du ein Mann bist” – bei den stampfenden Drums und der eingängigen Hook fällt das selbst den hartgesottensten Kerlen sicher schwer.
Weil die Affäre mit “Carmen” sich wieder als Reinfall entpuppte, wagt sido wieder einen musikalischen Ausflug in fremde Gefilde: Wie der Titel schon vermuten lässt, ist “Marie & Jana” eine Kifferhymne und dementsprechend ein entspannter Reggae-Song. Kann man machen, muss man aber nicht.
“Schlampen von Gestern” entpuppt sich als Liebeslied der ganz anderen Art. Die Hiphop-Ballade mit Piano und Streichern könnte musikalisch kaum romantischer sein, der Text dagegen rechnet mit Verflossenen ab und garantiert den einen oder anderen Lacher. Auch “Sie bleibt” thematisiert mit sido-typischem Humor den Ärger mit dem anderen Geschlecht. Wer unbedingt seine Freundin aus der Bude ekeln möchte, findet hier sicher den einen oder anderen guten Rat, für alle Anderen zeigt sido immerhin, dass er in Punkto Flow noch ein ganzes Stück zugelegt hat.
Das größte Highlight auf “Aggro Berlin” ist aber ohne Zweifel das Zusammentreffen mit Hamburgs Lieblingsrapper Samy Deluxe. Mit weit über 10 Jahren aktiven Mitwirkens verweisen die Beiden selbstironisch und zufrieden auf ihren “Seniorenstatus” in der deutschen Rap-Szene. Der Beat ist straight Hiphop, mit Bumm-Tschakk und Fanfaren und die beiden Rap-Rentner beweisen, dass sie sich vor dem Nachwuchs nicht verstecken müssen: “Denn wir sind alt, doch für euch reicht es schon noch”.
Den unkenden Fans zum Trotz: “Aggro Berlin” ist ein großartiges Album. sido ist erwachsen geworden, als Mensch wie als auch Künstler. Die Entwicklung mag dem einen Gefallen, dem anderen übel aufstoßen, von seiner entwaffnenden Ehrlichkeit hat er allerdings nichts eingebüßt. “Aggro Berlin” ist definitiv der Beweis, dass sido auch ohne Maske einen Pflichtkauf aus dem Boden stampfen kann.
(cg)





