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Gris – Schwarzweiss in Farbe (Review)

14 November 2009

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Ich weiß nicht, ob es an der Finanzkrise liegt, doch in diesem Jahr häufen sich die depressiven, pessimistischen Werke in der Deutschrapszene. JAW & Hollywood Hank outeten sich als Menschenfeinde, für Prinz Pi liegt die Welt in Trümmern, für Tua ist sie grau und PCP feiern gemeinsam mit Morlockk Dilemma & Hiob die Apokalypse. Auch Gris macht dabei keine Ausnahme und diagnostiziert: „Die Welt hat Krebs“ („Dulcimer“).


Nahezu genial wird diese Metapher in „Himmelsmechanik“ umgesetzt. Die Familie der Planeten trifft sich nach einiger Zeit wieder bei ihrer Mutter, der Sonne. Man tauscht sich aus, begutachtet den Werdegang des jeweils Anderen. Doch Streitigkeiten kommen auf, als der Mars sich bei der Erde beschwert, die die Plage der Menschheit, die sie sich eingefangen hat, nicht für sich behalten kann, sondern auch noch so langsam andere Planeten ansteckt. Auch Mutter Sonne tadelt das Kind: „Schau auf deine Geschwister und dann schau auf dich, du bist meine größte Schande, was soll das? Sprich!“


Und auch Gris gibt sich kritisch gegenüber den Geschehnissen auf der Erde. So dankt er ironisch seinen nervigen Kommilitonen („Danke“ feat. Chefket) , rechnet mit Leuten ab, die „hinterm Rücken“ reden, erzählt von den verschiedenen Lebensweisen jedes einzelnen Menschen, die letztendlich alle austauschbar erscheinen („Schall und Rauch“), und tanzt mit uns den „Opferboogie“, in dem er nicht nur die Opfer des Gangsterraphypes an den Pranger stellt, sondern auch sich selbst für den naiven Traum einer besseren Welt kritisiert.


„Ich nenn alle Mädchen ‘Schlampen’ und Frauen heißen ‘Nutten’/
Ich hau ihnen noch eine, sie brauchen nur blöd gucken/
Ich hör kein HipHop, ich hör Gangsterrap, du Missgeburt/
Ich lieb keine Frauen – ich fick sie nur/“
[…]
„Ich bin ein Träumer, ich bin zu nett/
Ich bin ein Hippie, ich steck Sinn in mein’ Text/
Ich bin naiv, ich bin falsch hier,/
Musik ist mir zu kostbar, ich bin ein Opfer/“


Gris wird angetrieben durch die Geschehnisse auf der Welt, die „das Monster in Gris“ füttern („Gletscherwasser“) und umarmt diese zugleich, „um sie gewaltsam wachzurütteln“ („Auftrag“ feat. Boba Fettt). Doch er wird nicht nur selbst motiviert, seinen Auftrag zu verfolgen, sondern motiviert ebenso den Hörer, für seine Ideale einzustehen und bis zum bitteren Ende zu kämpfen – und das erfreulicherweise ganz ohne totgehörte Phrasen aus der „Kopf hoch, das Leben geht weiter“-Schublade („Kämpf Remix“). Denn noch ist die Welt nicht endgültig zum Scheitern verurteilt, und so berappt Gris auf „Tuschkasten“ die – vielleicht selten gewordenen – schönen Dinge des Lebens und bittet den Hörer, Farbe in sein Leben zu lassen.


Und was eben noch Metaphorik war, wird in „Artcore“ zum realen Inhalt. Der angehende Kunstlehrer lässt uns in seine Erlebniswelt während des Malens eintauchen – vielleicht nicht für Jeden nachvollziehbar, aber durchaus hörbar. Leider wird die optimistische, positive Hälfte in Gris schnell in Versuchung geführt, sich abgegriffener Thematiken und Motive zu bedienen und diese werden leider auch nicht so umgesetzt, als dass man sagen könnte, das so oder ähnlich noch nie gehört zu haben. So sind das Liebeslied „Ask Saskeri“, der obligatorische „Weißt du noch, wie es damals war?“-Track „Vonmirfürmich“ und in Erinnerungen an die alten Berliner Rapzeiten schwelgende „HFX und die Zeit“ mit Meyah Don und Estess unter den eher schwächeren Stücken des Longplayers zu verbuchen.


Unterstützung kommt von zahlreichen Produzenten wie Big Bennay oder Keya Soze, doch auch Gris selbst stand hinter den Reglern. Größtenteils finden sich ruhige, atmosphärische Sample-Beats auf der Platte, vereinzelt tauchen auch etwas schnellere, drückende Nummern auf. Trotz den über zehn Leuten, die sich für die Instrumentals verantwortlich zeichnen, ist stets ein roter Faden zu erkennen, der soundtechnisch stark an die späten Jahre der Royalbunker-Zeit erinnern.


Fazit: „Schwarzweiss in Farbe“ ist ein sehr innovatives Album, das sich kritisch mit dem aktuellen Weltgeschehen auseinander setzt. Kaufempfehlung für Alle, die sich schon seit langem wünschen, dass Rap mal erwachsen wird. Für alle Anderen hat Gris auch ein paar Worte:


„Und wenn du sagst, dass dir das hier zu schwul ist/
Und du dir für sowas eindeutig zu cool bist/
Wenn du glaubst, dass du das alles nicht brauchst/
Liegt das daran, dass du zu unreif bist oder dich nicht traust/“


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(mh)