Mellowvibes im Exklusiv-Interview mit MeinRap.de 1/2

Am 20.11. diesen Jahres erschien bereits das zweite Partnerprodukt der Arche Berlin mit Mellowvibes. “Deutschlands Vergessene Kinder 2″ versammelt die Deutschrapszene für einen guten Zweck, da sie sich thematisch mit diesen Kindern auseinander setzt und der Erlös für Projekte mit ihnen eingesetzt wird. Wir trafen uns mit Sami Ben Mansour und Jan Pasutti von Mellowvibes in deren Büro in Berlin Wedding, um mit ihnen über die Arbeit am Sampler, die Arche, Workshops, die Kritik an Frauenarzts Beteiligung am ersten Sampler sowie die Berichterstattung über Deutschrap zu reden.
Wir wollen uns heute über „Deutschlands vergessene Kinder 2“ unterhalten. Meine erste Frage bezieht sich auf den Titel: Inwiefern und von wem sind die Kinder denn vergessen worden?
Pasu: Die Kinder in Deutschland, die in die Arche kommen, die werden einerseits von den Eltern vergessen, von politischer Seite werden sie vergessen, und wenn du ne Stufe höher gehen willst, auch von der Gesellschaft.
Sami: In erster Linie liegt es ja daran, dass sie keine richtige Erziehung haben. Die kriegen ja nichts mit von zu Hause. Die erste Instanz sind immer die Eltern. Und wenn du von zu Hause schon nichts vermittelt bekommst oder dir einfach nicht anerzogen wird, dass du, wenn du was erreichen willst, etwas dafür tun musst, wächst du halt in einer Welt auf, …die nicht klar kommt.
Pasu: Da suchst du dir quasi selber deine Vorbilder und Einflüsse raus, wenn du zwischen 10 und 14 bist, dann ist das klar, dass das nicht die besten sein werden.
Sami: Also ich bin auch nicht der Überzeugung, dass Porno-Rap die Kids versaut, sondern ich bin eher der Überzeugung, dass, wenn zu Hause eben nicht dementsprechend Werte vermittelt wurden und wenn die Eltern sich selber so dermaßen benehmen oder selber die Musik hören und das feiern, dann feiern die Kinder das auch. Ungehemmt! Es gibt keine Grenzen. Man muss den Kindern auch Grenzen setzen, das ist ganz klar.
Also fehlt da teilweise auch die Erziehung, wie mit solchen Medien umzugehen ist?
Sami: In allererster Linie – das sag ich dir ganz ehrlich – fehlt die richtige Erziehung. Bei den meisten Kinder, die wir kennen gelernt haben, merkst du sofort, was bei denen zu Hause los ist. Das hat mit sozialer Schicht nichts zu tun. Das ist wirklich nur die Erziehung. Also das hat nichts mit Geld zu tun, kein bisschen. Natürlich haben die Leute, die wenig Geld haben, zwar Probleme, weil sie sich Sachen nicht leisten können, aber trotzdem könnten ja auch viele von denen ihre Kinder erziehen, also Erziehung hat ja nichts mit dem Finanziellen zu tun.
Was war die Idee beziehungsweise das Ziel beim ersten Sampler?
Sami: Zu schocken. (lacht) Wir haben damals Wolfgang Büscher von der Arche kennen gelernt. Im Fernsehen war bei so einem Interview, über das ich mich aufgeregt habe und da hab ich dann abends noch Pasu angerufen und meinte „Schalt mal ein, Alter!“
Pasu: Er war bei Maischberger zu Gast, Lady Bitch Ray war auch da und dann ging es am Rande um den Einfluss von Rapmusik auf Jugendliche. Wir haben uns ein paar Tage danach mit ihm getroffen und immer wieder persönliche Gespräche geführt. Da habe ich dann auch mal gefragt, wie es denn wirklich ist, weil innerhalb unserer Szene, da wird immer diskutiert, welchen Einfluss Musik denn nun hat, und im Endeffekt kann es dann doch keiner so genau sagen, und dann hab ich ihm mal die Frage gestellt, weil er quasi an der Front arbeitet. Er meint eben auch, Musik wäre genauso schlimm wie die Ballerspiele, die machen auch niemanden zum Amokläufer, aber sie können Defizite, die schon vorhanden sind, verstärken. Aus diesen Gesprächen ist dann die Idee entstanden, einen Soundtrack zu produzieren und mit den Verkäufen aus diesem Soundtrack ein Projekt zu finanzieren, ein Workshop-Projekt, und so auch langfristig zu helfen. Ziel war es nie, einmal eine CD rauszubringen und sich dann wieder zu verabschieden, sondern direkt mit den Kids zu arbeiten, die in die Arche kommen.
Sami: Obwohl der erste Gedanke eigentlich war, dass wir einfach mal dahin gehen und nen Rap-Workshop anbieten, weil er gesagt hat, dass die meisten der Jugendlichen dort Rap hören, da sagt er „Lass uns doch nen Workshop machen“, da sag ich „Okay, dann können wir mit denen in Kontakt treten und dir zeigen, dass Musik auch positiv beeinflussen kann“. Und dann hat sich das im Gespräch irgendwie so hochgespielt, wie Pasu es schon erklärt hat, und dann kamen wir auf die Idee, dauerhaft Workshops zu machen, vielleicht auch ne CD zu machen, wir kennen ja genug Leute. Das war eigentlich so ein internes Ding, zuerst wollten wir aus unserem Bezirk Leute holen, dann hieß es Leute aus Berlin und dann wurden die Kreise immer größer. Das war nie so geplant, wirklich nie. Also eigentlich wollten wir das gar nicht, aber das ist dann eben so entstanden und dann mussten wir das eben auch so umsetzen, wir waren dann quasi dazu verpflichtet.
Wie genau sehen denn die Workshops aus?
Pasu: Im Moment sind wir einmal monatlich in der Arche. Wir haben allerdings eine Pause eingelegt während der Produktionsphase des Samplers. Die Workshops sehen so aus, dass vorab angekündigt wird, was wir machen. Rappen und Breaken ist immer dabei und je nach Interesse ist dann Graffiti oder Beats bauen auch möglich. Das entscheidet sich immer spontan, worauf sie gerade heiß sind, das kann man nicht immer vorher einzeln festlegen. Ja, und dann ist es ganz verschieden. Also in erster Linie führen verschiedene Künstler die Workshops durch, wir haben ein festes Team, Hammer & Zirkel sind immer dabei, Chrissi ist B-Girl, ehemalige Europameisterin, sie macht den Tanzworkshop, die Lucy, die Freundin vom DJ von Hammer & Zirkel macht Streetdance und so weiter. Und ab und an werden dann Leute von außerhalb, die gerade in der Stadt sind und irgendwie Interesse haben, mit eingebunden. Kann auf jeden Fall noch mehr werden. Das Angebot ist da.
Sami: Das ist ein Aufruf, ein Aufruf an die HipHop-Gemeinschaft, die immer meckert, dass zu wenig getan wird. Jetzt können sie etwas tun, wir bieten ihnen die Möglichkeit.
Pasu: Es geht auf jeden Fall nicht darum, den nächsten Graffiti-King zu suchen, die haben da ganz andere Probleme, wir benutzen quasi HipHop als Schlüssel, um an die Kids ranzukommen. Wir nutzen HipHop einfach aus. (lacht) Damit wird dann Vertrauen aufgebaut und dann können wir in Einzelgespräche mit ihnen gehen und da geht es dann um ganz andere Sachen als HipHop, der gibt uns nur die Möglichkeit, über Probleme zu sprechen. Viele sehen nämlich gar nicht, bei den ganzen Problemen und Defiziten, die sie haben, dass das Probleme sind. Sie erkennen sie nicht, weil sie es so gewohnt sind, dass sie ohne Grenzen und ohne helfende Hand aufwachsen, die sich um sie kümmert, und da setzen wir an.
Sami: Wenn du einmal da warst, dann verstehst du das. Viele der Kids fühlen sich gar nicht richtig ernst genommen. Auch wenn ein Sozialarbeiter da ist – die Pädagogen sind super, machen Spitzenarbeit – aber trotzdem, die Kids haben den blöden Hintergedanken „Ach, das ist ein Sozialarbeiter, der muss das machen, das ist halt sein Job“. Und wir sind eben was ganz Anderes, wir sind diejenigen, von denen sie mal gelesen haben, die sie aus Videos kennen, die sie privat feiern. Wir sind dann für sie da, wir machen das, was sie interessiert, was ihre Welt ist und haben daher einen ganz anderen Bezug zu ihnen. Und egal ob es nun Breakdance oder sonst was ist, da geht es nicht darum, dass wir denen die Skillz zeigen, sondern ihnen vermitteln: Wenn du das machen willst, dann musst du lernen. Dann musst du dich hinsetzen und die Sache studieren. Also wir vermitteln, wie man lernt und wie man sich Ziele setzt. Und das sind wichtige Dinge, die sie eigentlich zu Hause oder in der Schule hätten lernen müssen und die sie in ihrem späteren Leben auch weiter bringen. Wir würden niemals sagen „Mit HipHop retten wir die Welt“, das ist absoluter Schwachsinn. Wir kennen uns einfach sehr gut damit aus. Seit ’84 mach ich den ganzen Kram, ich habe mit HipHop mein Leben gestemmt. Das können Andere auch. Wenn einer gut ist in Graffiti, dann hat er ein Gefühl für Design, dann wird er Designer, wenn er klug ist. Wenn einer ein guter Tänzer ist, ein gutes Feeling für den Rhythmus hat, warum sollte er nicht im Theater auftreten? HipHop ist extrem vielseitig. Aber das wird immer wieder unterdrückt und ist nicht einfach zu vermitteln in einer Zeit, in der allein schon Rap und HipHop gleichgesetzt werden. Wer Ahnung hat, weiß das, aber wer nicht selber forscht und glaubt was geschrieben steht, tja…
Pasu: Stärken und Talente, die eventuell vorhanden sind, die versuchen wir halt rauszukitzeln.
Sami: Nen Foto-Workshop machen wir jetzt auch. Die Kids wollten ein Cover machen für ihre erste CD. Da waren so ein paar Jungs, die hatten mit der Arche gar nichts zu tun, denen hab ich dann erklärt, wie das geht, dann haben sie Fotos gemacht, angefangen zu posen und so. Jetzt steigen wir langsam in den Bereich Bildbearbeitung ein.

Und die sind wirklich fast alle an Rap interessiert? Keiner, der lieber Gitarre spielen will oder so?
Pasu: Das sind weit über 90% der Kids, die Rapmusik hören. Deutschsprachige Rapmusik auch nur. Ein bisschen Techno kommt noch dazu, aber deutscher Rap ist absolut deren Mucke, mit der sie aufwachsen.
Sami: Du darfst dir das aber nicht so vorstellen, dass die Kids, die deutschen Rap hören, Ahnung von der Musik oder der Materie haben. Digga, die kennen keinen Curse, die kennen keinen Samy Deluxe. Was die kennen, sind die Rapper in ihrer Umgebung, das können Kumpels sein, deren Mucke sie hören, maximal noch Frauenarzt, Pi Pa Po. Diese Rapper kennen sie, das ist ihre Welt. Die kennen auch kein MeinRap.de, die kennen kein hiphop.de, die kennen kein rap.de, die kennen kein JUICE-Magazin, die kennen keine Backspin. Das einzige, was sie kennen…bitte sag’s.
Pasu: Die HipHop-Bravo.
Sami: Genau. Die Kids sagen zwar „Ja hier, HipHop ist voll geil, ich bin HipHopper“ und so, aber die haben keine Ahnung davon. Und das kann man denen auch nicht übel nehmen. Die kommen aus ihrem Bezirk noch nicht einmal raus. Das ist ja auch so eine Idee bei diesen Workshops, dass durch die Werbung und so weiter auch andere Leute zur Arche kommen, damit die Kids mal andere Menschen kennen lernen, das öffnet ja auch ein bisschen den Horizont. Wir versuchen so im Kleinen, Erfolge hervorzubringen.
Wer ist denn die Zielgruppe der CD? Der Erlös ist ja für die Kinder, aber richtet sich die CD auch an sie?
Pasu: Die Songs, die da drauf sind, sprechen schon sehr unterschiedliche Zielgruppen an. Der Track “Superheld” von Serk & She-Raw oder auch F.R. richten sich ganz klar an jüngere Hörer. Andere Songs wie von Pan & Artist oder Spax sind dann eher für die älteren Hörer. So genau kann man das aber auch nicht sagen. Wenn du dir zum Beispiel das Cover anguckst, das ist völlig untypisch für Rap, aber die Namen sprechen für sich. Wer sich für Rap interessiert, der braucht sowieso nur die Tracklist. Das Cover richtet sich dann wiederum an Erwachsene und Eltern.
Sami: Es soll ja wirklich ein Musikwerk sein, das auch so verstanden wird, dass es eben ein Genre präsentiert, aber es soll auch zugänglich sein für ein anderes Publikum. Wir müssen nicht den Rap-Hörern erzählen, was es für Probleme auf der Straße gibt. Es geht viel mehr darum, den anderen Leuten zu zeigen “Guckt mal, es gibt Rap. Den verteufelt ihr, aber der engagiert sich hier und bringt hervorragende Künstler hervor.” Teilweise sind da ja auch Rapper drauf, die kennt man gar nicht, die kannten wir nicht einmal selbst, bis wir die Demos hatten. Damit bringen wir auch so eine Art Gleichgewicht in das Ding. Ohne jetzt Leute zu boykottieren, wir wollen alles repräsentieren, darum geht es. Und ganz wichtig ist außerdem, dass das Thema des Samplers wiederum bei den Kindern zur Diskussion gebracht wird. Weil viele der Kids, die die Probleme haben, gar nicht checken, dass sie Probleme haben. Die leben in ihrer Welt und sind zufrieden. Der Papa schlägt die Mama? Ist okay. Die Mama bumst jeden zweiten Tag nen anderen Typen? Ist okay. Und das ist krass und das muss man einfach mal zu Wort bringen und den Kids auch sagen “Guck mal, deine Helden, die du feierst, die finden das auch nicht normal”. Deswegen nochmal zur Trackliste: Wir hatten ja damals extreme Buhrufe wegen Frauenarzt. Und ich habe von Anfang an gesagt “Sagt mal, seid ihr bescheuert?” Ich stehe 100% zu unserer Entscheidung, ich stehe auch 100% hinter Frauenarzt. Natürlich macht er solche Musik. Aber gerade er ist ja ein Kandidat, der unheimlich wichtig war für den Sampler, weil er spricht ja genau diese Kids an, und wenn jemand wie er bei einem solchen Projekt mitmacht und sagt “Ja okay, ich mach hier mit, weil es hier ein Problem gibt”, dann ist das doch gut, weil die Kids ihn eben kennen. Selbst Curse hat auf unserer Pressekonferenz gesagt, er kann das gut verstehen und nachvollziehen. Eigentlich wäre es am meisten nachvollziehbar, wenn man einen Sampler mit nur solchen Rappern drauf macht.
Pasu: Weil genau die es eben sind, die die Kids auch erreichen. Die hören keine Musik von KAAS, das spielt für sie überhaupt keine Rolle.
Die Frage, die dabei aufkommt, ist doch dann aber, wie viel Gewicht der eine Track auf dem Sampler gegen mehrere Alben hat, die teilweise indiziert worden sind, wobei die aktuelle Atzen Musik natürlich stark entschärft ist.
Sami: Man kann nicht von Künstlern wie Frauenarzt verlangen, dass sie jetzt aufstehen und offiziell sagen “Okay, ich hab Scheiße gebaut, ich mach so was nie wieder, ich mach jetzt was anderes”. Wenn er das machen würde, würde ihm seine gesamte Fanbase wegbrechen. Und wir wollen ja niemanden an den Pranger stellen. Ich kenne Frauenarzt ja und habe ihn mit in die Arche genommen.
Hat er auch nen Workshop gemacht?
Sami: Nee, noch nicht, wir sind aber dran. Frauenarzt, MC Basstard, die ganzen Jungs, ich kenne die alle schon sehr lange. Ich mag die Jungs, ich mochte nur nicht immer, was sie gemacht haben, aber man kann sie doch nicht deswegen verteufeln. Sie sind ein Teil dieser Szene. Jedenfalls habe ich Frauenarzt mitgenommen, hab ihm von dem Problem erzählt und er meinte noch “Naja, kann ich mir nicht vorstellen…man ja, Ben, okay, für dich würde ich mitmachen” und ich meinte “Nee, du sollst nicht für mich mal eben mitmachen, du sollst das ernst nehmen”. Und dann habe ich ihn mitgenommen, habe ihm die Kids gezeigt, habe ihm sogar das Interview gezeigt von der Mutter, die mit ihrer Tochter auf der Couch seine Texte rappt und er saß nur noch mit offenem Mund da. “Ist das echt?” – “Ja klar ist das echt” – “Ist doch voll peinlich, Alter.” – “Ja klar ist das peinlich, aber so sind die Kids, die deine oder eure Texte so ernst nehmen, dass sie das nachleben wollen, weil die Eltern zu Hause sagen ‘Ja ist cool, mach doch.’“ Es gibt im Arche-Umfeld sogar Eltern – ganz ohne Witz – die ihre Kinder an ältere Männer verkaufen. “Du gibst mir n bisschen Kohle, die soll ordentlich ficken lernen” – fertig. Das ist eine ganz krasse Welt. Daher war es mir ganz, ganz wichtig, dass Frauenarzt da mit macht und das auch kennen lernt. Und da hat er dann auch zu mir gesagt “Alter, ich hab gar keinen Bock so was zu machen und so, aber ich kann ja jetzt nicht offiziell das so zugeben, geht ja nicht”. Aber dieses Bewusstsein ist ja schon mal eine Entwicklung und das ist auch unser Ziel gewesen. Wir wollten eine Änderung bringen und die Änderung haben wir gebracht. Wir haben den Leuten gezeigt, was es da draußen so gibt, und dann ist es ganz normal, wenn sie das ernst nehmen, dass sie so was nicht mehr machen können. Und jetzt noch eine Frage an dich: Seit wann macht Frauenarzt diese entschärfte Atzen Musik? Vor unserem Sampler oder nach unserem Sampler?
Nach dem ersten Sampler, wobei ich aus einem Interview von Frauenarzt weiß, dass dieses Atzen-Konzept ursprünglich von ihm für Smoky konzipiert wurde und er das jetzt nur macht, weil Smoky irgendwie nicht wollte. Da weiß man jetzt nicht, was Frauenarzt heute machen würde, hätte Smoky das Konzept angenommen.
Sami: Er würde genau das gleiche machen. Bin ich mir sehr sicher.
Wir haben vorhin allerdings schon festgehalten, dass viele der Kinder nicht wirklich geschult sind im Umgang mit Medien. Worauf ich hinaus wollte, war die Frage, ob dieser eine Track wirklich ganze Alben in ein anderes Licht rücken kann für die Kinder, so dass die sich nicht nur sagen “Das macht er, weil er er so was auch mal sagen muss, er muss auch mal…”
Sami: Was Gutes tun?
Genau.
Sami: Guck mal, um den einen Track geht es doch gar nicht. Der eine Track ändert gar nichts. Auch der komplette Sampler wird nichts ändern. Wir werden nicht die Welt verändern mit “Deutschlands vergessene Kinder” 1 oder 2, sondern es geht ja darum, dass wir Augen öffnen, dass wir Horizonte erweitern, dass die Leute miteinander reden. Nicht nur übereinander, sondern eben auch miteinander. Dass wir den Leuten zeigen “Guck mal, es gibt die einen Kids und es gibt die anderen Kids. Und du machst diese Mucke. Und bei den einen Kids wird’s gefeiert, die gehen dann wieder nach Hause und dann ist alles cool. Aber bei den anderen Kids – die feiern das, gehen nach Hause und dann leben sie es.” Das ist natürlich ein zweischneidiges Schwert. Man könnte natürlich einfach sagen, dass diese Musik verboten werden muss, weil die Kinder das nachleben, aber das kann man den Künstlern nicht vorwerfen. Aber man kann sie darauf hinweisen. Das wussten viele Künstler gar nicht und das wollten wir denen halt mal klar machen. Dieser Sampler ist für die Szene und für die Gesellschaft. Auf der einen Seite wollen wir zeigen, dass Rap viel mehr ist als Kriminelle mit dem bösen Einfluss, und auf der anderen Seite wollen wir sagen “Jungs, wir wollen nicht sagen, dass ihr schuld seid, aber ihr habt eine Teilschuld” – genauso wie die Eltern, genauso wie die Gesellschaft. Das ist einfach ein Gesellschaftsproblem, diese Ignoranz. Man macht sein Ding und will danach nichts mehr mit den Folgen zu tun haben. Und es geht eben nicht um diesen einen Track, sondern darum, dass wir zeigen, dass wir eine Gemeinschaft sind, eine Szene, eine Community, die sich einsetzt.
Denkt ihr, dass ihr die Kinder erreicht mit eurem Sampler, die betroffen sind, also dass die den Sampler überhaupt auf dem Schirm haben? Ihr seid ja nun eher nicht in der HipHop-Bravo.
Sami: Wir haben normal bemustert, mehr nicht. Die Bravo druckt ab, was sie möchte und verdreht. Da kann ich dir genug Dinge erzählen, die uns, aber auch unzähligen anderen passiert sind – seitdem spielt das keine Rolle mehr.
Pasu: Du hörst ja immer Stimmen, die sich mehr Balance und positive Darstellungen wünschen, aber den Willen dazu sehe ich auch nicht, wo dann auch der Wunsch nach Veränderung umgesetzt wird. Die Bravo arbeitet wie die BILD, nur mit kindlichen – nicht kindgerechten – Themen. Andererseits sprechen die Künstler auch Dinge ins Mikro, bei denen sie genau wissen, dass das dann die Schlagzeile wird. Das ist zu einhundert Prozent vorausberechnet. Wer glaubt denn bitte, dass sich ein prominenter Rapper einfach so mit Goethe vergleicht? Wer glaubt solchen Schwachsinn? Natürlich wird darüber Stimmung erzeugt, Meinungsspalterei und dann weitere Schlagzeilen. Und da ist man schnell ein Teil von, ein Dienstleister sozusagen. Und was ich denke zum Thema „Musik-Journalismus“: So viel Entertainment, wie das auch alles ist, aber so unkritisch wie manche Themen gehandhabt werden, ist das nicht ohne. Da wird sich ja sprichwörtlich vorm Künstler gebückt! Das mag spielverderberisch klingen, aber überleg mal. Die Grenzen verschwimmen. Natürlich ist es schöner sich hier zu kennen, da zu gruscheln, sich nebenbei anzustupsen und sich über den grünen Klee zu loben, wie man toll man sich gegenseitig findet. Dann kennt man sich irgendwann privat und auf einmal bist du Kumpel, später vielleicht noch Freund. Da kommt es dann auf einen selber an. Journalist, meinetwegen auch Bürgerjournalist, oder verlängerter Arm der Industrie? Ein wirklich guter Journalist ist kritisch, unabhängig und unbequem. Das muss in die Köpfe. Kritische Fragen, nachhaken, Statements nicht unkommentiert lassen. Wenn dann irgendwann die Bemusterung eingestellt wird und der Künstler erklärt, dass er mit dir nicht mehr zusammenarbeiten wird, weil du angeblich nicht in der Lage bist, seine Musik einzuschätzen und in unfairer Weise Stimmung schürst, kannst du davon ausgehen, deinen Job gemacht zu haben. Das ist nicht das beste Mittel, um sich Freunde zu schaffen, aber du hast deinen Job gemacht. Alles schon erlebt.
Sami: Aber hast du dir schon mal die Frage gestellt, ob das die große Masse auch so lesen will? Ich glaube, die große Masse will gar keine kritischen Fragen lesen.
Pasu: Das kommt auf das eigene Selbstverständnis an. Aber es gibt halt sehr viele völlig weich gespülte Dinger, null Information, Presseinfos nur nochmal nachgesprochen und alle schreien “Super Ding”, „Kommt wir springen aus dem Fenster, alle mir nach“. Das ist ne Sache, wenn du Berichterstatter bist, ob als Blogger oder gelernter Journalist – wir haben ja in unserem Bereich gar keine gelernten Journalisten soweit ich weiß – jedenfalls ist das ne Sache, die muss man einfach für sich selber entdecken, um dann wirklich so unabhängig zu arbeiten, dass es einem scheißegal ist, dass man sich damit keine Freunde macht.
Sami: Ich finde, Rap ist noch gar nicht so weit. Es fehlen einfach die Künstler, denen man ernsthafte Fragen stellen kann. Ich meine, du kannst ernste Fragen stellen, aber du kriegst bescheuerte Antworten.

Und wie sieht es mit Aufmerksamkeit außerhalb der Rap-Szene aus? Denkt ihr, dass es euch wirklich gelingt, das Bild von Rap ein wenig gerade zu rücken?
Sami: Wir retten HipHop im ganzen Universum! War das nicht ne gute Antwort?
Pasu: Sehr gut.
Sami: Nein, also wie gesagt, retten können wir gar nichts, aber es liegt uns natürlich am Herzen, eine andere Seite von Rap zu zeigen. Wir wollen ein Gleichgewicht in die Sache bringen. Es gibt eben nur eine Facette, die in den Medien groß vertreten ist, nämlich Kriminellenrap, harter Rap, böser Rap, weil das Geschichten liefert, die man spektakulär verkaufen kann. Und deshalb wollen wir eben eine andere Seite zeigen, die manchmal auch spektakulär ist, weil das Leben schreibt die krassesten Geschichten. Das ist ja wirklich so. Also was manche kleine Kids erlebt haben, das würde so manchen Gangsterrapper in die Knie zwingen.
Was waren denn bei einem solchen Ziel die Kriterien für die Trackauswahl? Ihr habt vorhin schon gesagt, ihr habt Demos gekriegt?
Pasu: Wir hatten beim ersten Teil über 200 Songeinsendungen – das war so eine Masse, das konnte man kaum noch alles anhören. Deshalb haben wir dieses Mal eigentlich nur einen kleinen Kreis angefragt, aber es sind trotzdem über 100 Songs eingegangen, die Mundpropaganda hat ihr übriges getan. Was die Auswahl dann angeht, ging es einerseits darum, eine Balance drin zu haben und halt auch eine Vielfalt. Vielfalt insofern, was das musikalische angeht, also alle Untergenres abzudecken, als auch inhaltliche Vielfalt. Weil wenn du 20 Songs hast, die von nem kleinen Mädchen handeln, dann wird es einfach langweilig. Deshalb sagen wir den Leuten nur, dass der Sampler für die Arche produziert wird. Dann kommt die Balance in den Einsendungen automatisch. Einer geht dann eher in die sozialkritische Richtung, der Andere macht was persönliches und so weiter.
Besteht bei einer solchen Masse an Songs und diesem sozialen Hintergedanken, dass das auch für die Kinder ist, nicht die Gefahr, dass die Künstler in bloße Phrasendrescherei abdriften?
Pasu: Ich bin der Erste, der sich in Texten mehr Details wünschen würde. Mal ran an den Kern, an die Wurzel, unbequemer, lauter, aber nicht abgeflacht. Deutscher Rap ist mir an vielen Stellen, wo ich positive Ansätze sehe, einfach noch zu oberflächlich.
Sami: Ich finde es absolut legitim, wenn Rap auch mal nur oberflächlich ist und einfach nur gute Stimmung verbreitet. In erster Linie ist es Musik und die muss Leute erreichen und ihnen ne gute Zeit bringen. Als zweites sollte es dann auch ne gute Message haben, die ein bisschen zum Denken anregt. Und da eine perfekte Mischung hinzubekommen ist gar nicht so einfach. Oft ist es zu belehrend oder es ist zu flach, daher haben wir versucht, beim Sampler den Mittelweg hinzukriegen. Eine Mischung zwischen Musik, die gute Laune macht und eben auch welche, die unter die Haut geht. Curse zum Beispiel. Ich hab Gänsehaut bekommen. Das ist wie ein Film. Du wirst mir Recht geben, wenn ich sage, wenn das ein Album wäre, wo nur solche Songs drauf sind, das kannst du dir gar nicht anhören. Nach dem dritten oder vierten Track bist du alle. Aber so einen Sampler zusammen stellen zu können ist deshalb gar nicht so einfach, man muss den schließlich durch hören können.
Vielleicht ist ja auch nicht die Oberflächlichkeit an sich das Problem dabei, sondern der Mangel an Kreativität, den das auch bedeuten kann, aber nicht muss. Wenn man jetzt tausendfach abgefahrene Wege wie “Ich leb mein Leben, ich geh meinen Weg” oder in der motivierenden Variante “Leb du dein Leben und geh deinen Weg” einschlägt, da wird Oberflächlichkeit dann langweilig.
Sami: Das ist in erster Linie eine reine Geschmackssache. Ich zum Beispiel finde diesen “Superheld”-Song extrem cool, weil ich einfach die Kids in der Arche im Hinterkopf habe, die dann eben mal gesagt kriegen “Ey, du bist ein Superheld, steh auf, mach dein Ding”. Viele Kids kriegen von ihren Eltern zu Hause nur so was gesagt wie “Du bist n Arschloch, du bist nichts, du kannst nichts” – und die sind 11. Und wenn du so aufwächst und das von der Geburt an gesagt bekommst, da finde ich gerade so einen Track besonders gut. Deshalb war es auch mein persönlicher Wunsch, dass dieser Track der erste Track auf dem Sampler ist, da hab ich nur an die Kids gedacht. Du bist da wahrscheinlich viel zu sehr in dem Rap-Ding drin und hast solche Songs schon viel öfter gehört, aber du hast auch nicht die Probleme, die die Kids haben. Die haben kein Problem damit, ob der jetzt nen Doppelreim macht oder nicht, die Sorgen haben die gar nicht. Die kriegen nichts zu essen und gehen deshalb in die Arche, die kriegen zu Hause gesagt, dass sie nichts sind, die kriegen da noch auf die Fresse, wenn sie nerven, und sonst heißt es nur: Fernsehen und Schnauze halten. Für solche Kinder ist es einfach mal gut zu hören, dass sie etwas wert sind, dass sie auch mal was erreichen können, das ist wichtig.
Woraus entstanden denn die Unterschiede zum ersten Sampler? Es sind ja zum Beispiel weniger als halb so viele Songs wie beim ersten Sampler dabei.
Sami: Das kann ich dir ganz einfach sagen: Finanzielle Gründe. Beim ersten Sampler haben wir zwei CDs gemacht, das heißt, wir mussten doppelte GEMA zahlen. Auch die Aufmachung war sehr, sehr aufwändig und auch sehr, sehr teuer. Das war beim ersten Teil aber leider notwendig, damit man auch sieht, dass wir es ernst meinen und uns Mühe geben, aber das hat natürlich zum Ergebnis gehabt, dass wir kaum Geld eingespielt haben, das wir der Arche dann geben konnten. So mussten wir noch auf Kosten sitzen bleiben und haben die Workshops dann trotzdem gemacht und haben die aus unserer eigenen Tasche bezahlt. Da war für uns dann auch klar, dass wir noch einen zweiten Teil machen.
Behaltet ihr euch Songs dann für einen potenziellen dritten Sampler vor oder gehen die an die Künstler zurück?
Sami: Da machen wir gar nichts mit. Wenn wir Songs nicht nehmen, dann gehen die zurück an die Künstler. Wir wollen da auch kein Geschäft mit machen, von wegen “unveröffentlichtes Material” oder so. Wir engagieren uns gemeinsam mit den Künstlern für die Arche, wobei wir nochmal so eine Art Gremium sind, die entscheiden, welche Songs passen und welche Songs da drauf kommen. Und dann sitzen wir eben nochmal an der Tracklist, das ist auch schwierig, weil du nur 80 Minuten Zeit hast auf einer CD. (lacht) Der Track von Pi und Basstard war fast fünf Minuten lang.
Pasu: Sogar über fünf Minuten.
Sami: Der musste dann gekürzt werden.
Pasu: Die ursprüngliche Vorgabe war maximal 3 Minuten 30 Sekunden. Und dann kriegst du nen Song, der geht über 5 Minuten. (beide lachen) Ja, was macht man dann? Aber zurück zum Thema. Wie gesagt, wir gehen auf Leute zu und fragen, ob sie Bock haben, Tracks einzuschicken, sagen aber auch gleich, dass es keine Garantien gibt, weil wir vorher auch nicht wissen, was uns erwartet. Das verstehen eigentlich auch alle, trotzdem gibt es immer eine geringe Anzahl an Leuten, die das sehr persönlich nehmen.
Sami: Wo du das gerade so ansprichst: Eigentlich haben wir nur eine Idee, aber die Richtung geben eigentlich die Künstler vor, weil wir ja nur auf die Songs warten und dann erst sehen, ich welche Richtung das Ganze geht.
In Teil 2 sprechen wir mit Pasu und Sami über die Skits der Synchronsprecher, die Zusammenarbeit von Hammer & Zirkel mit Spongebob, Wunschkandidaten für einen dritten Sampler sowie über die Frage, was eigentlich aus MC Jeremy geworden ist, dessen Sido-Cover “Mein Dorf” über Mellowvibes erschien.
(mh)



