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Mellowvibes im Exklusiv-Interview 2/2

28 Dezember 2009


In Teil 2 unseres Interviews mit den Machern von “Deutschlands Vergessene Kinder” sprechen wir mit Pasu und Sami über die Skits der Synchronsprecher, die Zusammenarbeit von Hammer & Zirkel mit Spongebob, Wunschkandidaten für einen dritten Sampler sowie über die Frage, was eigentlich aus MC Jeremy geworden ist, dessen Sido-Cover “Mein Dorf” über Mellowvibes erschien. Den ersten Teil des Interviews könnt ihr hier lesen.


Ein weiterer Unterschied zwischen den beiden Teilen sind die Skits, die auf dem zweiten Teil zu hören sind, während auf dem ersten keine waren. Welche Idee steckt dahinter und warum habt ihr die Skits von Synchronsprechern aufnehmen lassen?


Pasu: Es gibt eine bekannte Theaterschauspielerin in Berlin, Margot Rothweiler, die schon seit den 60ern auf den Bühnen unterwegs ist. Die haben wir irgendwann kennen gelernt und ihr von unserem Arche-Worskhops erzählt, sie fand das interessant, wir haben sie mitgenommen und ihr alles gezeigt und erklärt. Sie hat sämtliche Kontakte zu Synchronsprechern in Deutschland, das ist eine sehr vernetzte Szene und alle kennen sich untereinander. Da hat dann ein Wort das andere gegeben und daraus entstand dann die Idee, Fakten zum Thema Armut und Kinderarmut in Deutschland zu sammeln und von bekannten Stimmen einsprechen zu lassen. Sie hat uns alle Kontakte gegeben und wir haben Fakten recherchiert, Studien gewälzt und daraus Texte entwickelt, die einer Skitlänge entsprechen.

Sami: Warum wir das mit Synchronsprechern gemacht haben, ist ganz klar: Das sind gelernte Sprecher. Da klingt alles besser. Wenn ich das machen würde, wäre es grausig, ich bin viel zu hektisch und nervös, ich nuschel – geht gar nicht. Außerdem sind es große Namen, die ja auch Aufmerksamkeit bringen, das ist ganz, ganz wichtig. Man muss außerdem lobend erwähnen, dass alle umsonst gearbeitet haben, da gab es gar keine großen Probleme. Nein, gar keine Probleme. Teilweise haben sie von selbst angerufen und gemeint „Ich hab von eurem Projekt gehört, ich wollt nur sagen, dass ich dabei bin“ – da hatte ich auf einmal Will Smith am Telefon. (lacht) Das macht einen aber auch stolz, weil der Sampler so auch einen Schritt offizieller wird. Wir sind mit dem Sampler inzwischen auch in eine ganz andere Gesellschaft gekommen. Wir werden eingeladen zu Galas, wir lernen Leute aus der Filmbranche kennen, das ist schon krass.


Besonders interessant fand ich in dem Zusammenhang die Zusammenarbeit von von dem Spongebob-Sprecher mit Hammer & Zirkel. Wie genau lief die ab? Ich habe gelesen, dass Hammer den Text geschrieben hat.


Sami: Genau. Ich hatte den Santiago Ziesmer (Synchronsprecher von Spongebob, Anm. d. Red.) kennen gelernt und der war supernett und freundlich und hat dann gesagt „Ja, soll ich da bei sonem Lied mitmachen?“ und ich sagte „Nee, also eigentlich nicht, du sollst nur nen Text sprechen, aber bei nem Lied mitmachen ist auch gar nicht so schlecht.“ Und Hammer & Zirkel waren da gerade bei mir und so hat ein Wort das andere ergeben. Wir haben dann ein Treffen vereinbart und die waren gemeinsam im Studio und haben das aufgenommen. Und ich finde auch, das ist ein cooles Ding geworden. Man erwartet so etwas gar nicht von Hammer & Zirkel.


Ja, ich habe bei den Namen erst einmal etwas lustiges erwartet.


Sami: Genau. Der Track ist sehr, sehr mutig.


Besonders gut kommt bei den Hörern der Song von FR an. Er spricht da unter anderem das Portal SchuelerVZ an, er rappt „Deine Freundinnen denken, das Leben ereigne sich scheinbar nur noch im Netz“, und auch bei Jonesmann & Blaze kommt das Internet vor. Welche Rolle spielt es für die Jugendlichen?


Sami: Dazu kann ich dir eine Geschichte erzählen, die ist noch gar nicht lang her. Ich war neulich in Neukölln, ich wollte Colos besuchen, war aber 10 Minuten zu früh. Das war vormittags, 10 Uhr. Und ich hatte Langeweileund bin dann ins Internetcafé gegangen. Ich habe keinen Platz gefunden, weil es voll war mit Kindern. 11-Jährige, 12-Jährige. Nur Kinder! Kein Platz, wirklich. Mitten in der Woche. Die Kids wachsen in einer Welt auf, die ganz anders als unsere Welt ist, in der wir aufgewachsen sind. Ich bin erst mit 18 oder 19 an einen Computer gekommen, da war mein Interesse gehemmt und jetzt ist es für mich auch nur ein Werkzeug für die Arbeit. Wenn ich jetzt aber zum Beispiel meinen Cousin sehe, der macht gerade ein Praktikum bei mir, der ist die ganze Zeit an seinem Handy, nur im Internet, E-Mails checken, chatten – das ist verrückt. Die Kinder heutzutage wachsen halt damit auf. Die identifizieren sich damit und das ist auch ihre Welt.

Pasu: Du kannst übers Internet auf jeden Fall Dinge erreichen, die für uns damals unerreichbar waren. Als wir 13 oder 14 waren, mein Gott, wie behütet wir aufgewachsen sind! Ich habe mich schonmal mit Banjo darüber unterhalten, er meinte, wir wären noch diese Heinz-Erhardt-Generation. Und heute? Wir kennen Geschichten aus der Arche, wo Mädchen mit 12 Jahren bei einem Gangbang entjungfert werden. So etwas gab es früher nicht.

Sami: Oder Mädchen mit 11, die denken, dass sie hässlich sind, weil noch keiner mit ihnen geschlafen hat. Da hat mich in der Arche ein Mädchen angesprochen: „Bin ich hässlich?“, und dann kam wirklich dieses Ding: „Ich hab nämlich noch keinen Freund.“

Pasu: Das kommt zum Teil durch vollkommen unkontrollierten Medienkonsum. Da kommen wir wieder auf Grenzen zu sprechen, die man setzen muss. Das ist schon übel, was sich alles im Kopf für Bilder festsetzen und was für Gedanken sich daraus entwickeln.

Sami: Das ist aber eigentlich normal, wenn du siehst: Du bist etwas besonderes, wenn du das und das Foto machst im Chat oder in deinem Account oder sonstwas, und du hast so und so viel Klicks und wenn du so und so viel Klicks hast, bist du was Besonderes. Man wächst ja mit Werten auf, die einfach so etwas von hohl sind, die nichts wert sind. Aber das sind eben ihre Werte, das muss man auch verstehen. Ist schon krass, wenn ich überlege, wie viele Stunden sie da verplempern.

Pasu: Ich kenne so viele Geschichten von Rappern, was die bei MySpace alles erleben. Viele meinten, MySpace wäre der größte Puff der Welt.

Sami: Natürlich, das ist der größte Puff der Welt.

Pasu: Das ist so krass. Was wie für Nachrichten teilweise kriegen. Von Kindern!


Beispiele willst du jetzt nicht nennen, oder?


Pasu: Nein.

Sami: Ich kann dir ein Beispiel nennen, aber ohne Namen zu nennen. Ich kenne jemanden, der hat hier gechattet und fängt an auf einmal zu lachen und ruft „Ey, kommt mal her, kommt mal her“ – da hat er dann seinen Laptop umgedreht und uns gezeigt, wie ein Mädchen vor der Webcam anfängt für ihn zu strippen. Und dann schreibt er ihr „Ja, mach mal das und das“ und sie hat das gemacht.

Pasu: Das gibt es häufiger.


Wie alt war sie?


Sami: Die war jung. 16 oder 17 vielleicht.

(Stille)

Sami: Ja Digger, für dich ist das wohl schon Normalität.


Nein, nicht normal, aber es überrascht mich nun auch nicht mehr. Die Sache mit der Gangbang-Entjungferung vorhin hat mich auch aus den Socken gehauen, so ist es nicht.


Sami: Ja, aber du nimmst es ja so locker hin. Und in so einer Gesellschaft wachsen wir auf. Und dieser Gangbang mit 12 Jahren ist für diese Kids auch Normalität. Ich frage mich immer: Was soll da noch schlimmer werden? Wenn sich Kinder auf der Straße mit „Hurensohn“ beschimpfen, einfach nur als Kumpels, was gibt es dann noch schlimmeres? Es wird alles wertlos, so wie zum Beispiel das Wort „Freund“ – absolut wertlos geworden. Auf MySpace habe ich lauter Freunde, dieses Wort bedeutet nichts mehr.

Pasu: Das Wort „Star“ hat auch keine Bedeutung mehr. Darum hat man den „Superstar“ geschaffen und später den „Megastar“.

Sami: Internet-Star, yeah! Popstar! DSDS-Star!
Pasu:
Man stumpft immer weiter ab, weil immer mehr Grenzen fallen. Ich glaube, das nennt man Dammbruch-Argument. Jedem ist klar „bis hier hin und nicht weiter“, aber dann kommt Einer, der geht dann doch drüber und dann reden alle Leute drüber und er hat Erfolg damit und plötzlich ziehen alle nach. Schon ist wieder ein Damm gefallen. So geht es dann immer weiter. Als wir noch 14 Jahre alt waren, gab es damals auf RTL Plus „Tutti Frutti“.

Sami: (lacht) Das kenn ich noch!

Pasu: Mein Gott, da ist man heimlich nachts wach geblieben. Man dachte „krass, nackte Haut“. Du hast nichtmal was gesehen, weil sie alle Sterne auf den Brüsten hatten.

Sami: Oder „Eis am Stiel“, das war schon krass damals.

Pasu: Niemand würde heute mehr danach krähen. Da muss man mal den Unterschied sehen, was heute als „krass“ gilt für einen 13-Jährigen und was für uns damals „krass“ war.

Sami: Und Internet ist so krass für Kinder, und vor allem gefährlich für Kinder wegen Seiten wie Youporn. Wenn du mit 11 schon solche Pornos guckst, dann stumpfst du ab und verdummst. Dann willst du immer etwas anderes.



Diese verschwimmende Grenze beim Wort „Star“ führt aber auch dazu, dass man sich selbst als Star fühlen kann, wenn man eine bestimme Zahl an Klicks hat. Es gibt ein Buch, das stellt die Theorie auf, dass Aufmerksamkeit eine bisher unbeachtete Währung ist.


Sami: Das stimmt auch. Es geht immer um Aufmerksamkeit, immer. Wir wollen ja auch Aufmerksamkeit oder Anerkennung für das, was wir tun. Das ist auch ganz normal. Und im Internet kriegst du das eben ganz einfach. Du musst quasi nichts dafür tun. Du musst dich einfach nur zum Horst machen, dich selbst inszenieren, und schon bekommst du Aufmerksamkeit und Anerkennung. Nur dass das alles wertlos ist und absoluter Schwachsinn ist, das wird ja nie gesagt. Und wenn du es mal sagst, dann bist du…


Neidisch?


Sami: Ja genau, neidisch ist man dann immer.

Pasu: Neid kann auch ein Totschlagargument sein, genau wie „Der Erfolg gibt ihm Recht“, um Kritiker ruhig zu stellen. Die Gründe dafür, mit HipHop anzufangen, sind auch völlig unterschiedlich. Der Eine will nur gehört werden. Der Nächste will damit reich werden. Der Andere will zumindest seinen Lebensunterhalt damit verdienen. Der Nächste will einfach nur Mädels flachlegen. Es gibt tausend Gründe, da in irgendeinem Bereich anzufangen. HipHop ist kein eindimensionaler Strom von Menschen. Das muss man sehen.


Um nochmal auf FR zurück zu kommen: In der Hook heißt es „Jemand Leben zu schenken ist so spielerisch leicht, nur ein Blick aus dem Fenster macht es risikoreich“ – in Wolfgang Büschers Buch stand, dass die Schwangerschaften in Deutschland in den unteren Schichten viel höher sind, wobei diese, wie auch das Zitat sagt, da ein viel größeres Risiko für die Kinder darstellen. Wieso kommt es trotzdem zu dieser Entwicklung?


Sami: Das ist ganz einfach zu beantworten. Die haben nie gelernt, richtig zu verhüten.


In dem Buch stand aber auch, dass 80% der Kinder in der Arche vorgeben, eine Latexallergie zu haben, weshalb sie Kondome nicht benutzen würden. Das heißt doch, sie kennen Verhütungsmittel, aber benutzen sie absichtlich nicht.


Pasu: Sie geben es vor. Da gibt es als Alternativen dann aber auch ganz abstruse Vorstellungen. Es gibt Mädchen, die glauben, sie können mit Cola nach dem Sex noch eine Schwangerschaft verhindern. Oder Mädchen, die die Pille durchbrechen und teilen.

Sami: Ich höre an deinen Fragen, dass du es dir teilweise wirklich nicht vorstellen kannst, dass die sowas einfach nicht kennen. Das ist aber wirklich so, die wissen nicht darüber Bescheid, es klärt sie ja niemand auf. Nimmt irgendwer in den Pornos Kondome? Nein. Auch der HIV-Test vorher wird ja nicht gezeigt. Die Kinder wachsen medial auf in dieser Welt. Für uns ist sowas vielleicht komisch, ich guck nen Porno und denke „hihihi“ und das war es. Aber ich würde niemals auf die Idee kommen, so etwas mit meinen Eltern zu gucken, da würde ich mich in Grund und Boden schämen. Wenn ich als Kind einen Film geguckt habe und da kam ein Kuss vor – da habe ich weggeschaltet, wenn meine Eltern da waren. Die Kids kennen das aber nicht. Die nehmen ihre Infos aus allen möglichen Medien und da wird eben nicht gezeigt, dass die Frau vorher die Pille nimmt.

Pasu: Die haben niemanden zu Hause, der mal „Stopp!“ sagt. Die können die krasseste Musik zu Hause hören, das hören ihre Eltern dann mit. Das kann man sich ganz schwer vorstellen, da muss man selbst einmal dabei sein.

Sami: Aber ich kann dir sagen, wie man das ganze Problem lösen kann.

(Stille)

Sami: Indem man die Eltern erzieht. (lacht) Aber das geht leider nicht.


Wie kommt es denn dazu, dass die Eltern nicht richtig erziehen oder erziehen können? Irgendwo muss es ja einmal angefangen haben, bei den jetzigen Eltern könnte man es ja auf deren Eltern zurück führen.


Sami: Das habe ich mich auch gefragt. Ich weiß nicht, welche verkackte Generation diese Scheiße verursacht hat. Irgendeine Generation muss das gewesen sein, die späten 70er, die 68er, keine Ahnung. Das Schlimme ist, dass wir jetzt hier so ganz locker darüber reden, „Deutschlands Vergessene Kinder“ Teil 1 und 2, das ist cool und so weiter, aber damit hat sich das Thema erledigt. Aber das böse Erwachen wird erst noch kommen. Das ist schließlich die Generation, die später mal Verantwortung für die Gesellschaft trägt und dann auch Steuern zahlen muss. Aber diese Generation hat zum Ziel, fürs Nichtstun Geld zu bekommen, einfach mit Hartz 4. So kriegen sie es ja von ihren Eltern auch vorgelebt.

Pasu: Das wird ein ganz, ganz böses Erwachsen geben.

Sami: Denk in 20 Jahren an unser Gespräch!


Habt ihr denn Lösungsansätze außer die Eltern zu erziehen?


Sami: Wenn du Kinder hast, erzieh sie bitte richtig. Man muss da immer im kleinen Kreis anfangen.  Wenn du Ungerechtigkeit siehst, geh hin und sag „Ey, das geht nicht“. Hier um die Ecke ist ein Getränkeladen, der hat Alkohol an kleine Kinder verkauft. Ich sag „Was machst du da?“ – „Wenn ich es ihnen nicht gebe, kommen sie mit Älteren, die es dann für sie kaufen.“ – „Ist mir scheißegal, gib es ihnen nicht. Bist du bescheuert? Das sind Kinder. Soll ich deinem Sohn Alkohol verkaufen?“  Wenn du so etwas siehst, dann sag etwas. Man lebt normalerweise ein Vorbild vor. Aber hier lebt niemand etwas vor, hier lebt Jeder für sich. Jeder will bloß nichts mit dem Anderen zu tun haben, Jeder will nur sein bestes.

Pasu: Du kriegst das in den Medien ja auch so vorgelebt durch vermeintliche D-Promis, die dann als Stars für irgendetwas herhalten müssen. Die können in kürzester Zeit mit Nichts Geld verdienen, sie können nichts, quatschen nur Blödsinn und werden zu Vorbildern unsrerer Jugend. Die Republik verblödet zunehmend und mit ihr die Menschen. Auch im politischen Bereich. Zehn Minuten, bevor du gekommen bist, kam die Meldung rein, dass von politischer Seite über den Chefredakteur eines großen Senders entschieden wurde (Roland Koch hatte die Ablösung des ZDF-Chefredakteurs Nikolaus Brender im ZDF-Verwaltungsrat durchgesetzt, Anm. d. Red.). Die Menschen werden sich weiter von der Politik entfernen, es wird ihnen zunehmend egal sein was passiert, die Mitnahmementaltät wird immer weiter steigen, nicht zuletzt, weil uns im Zuge der Finanzkrise vorgelebt wurde, wie ein kleiner Haufen von Casinospielern ein ganzes Volk und seine Regierung zum Narren halten kann. Wie gesagt, denk ich 20 Jahren an dieses Gespräch.

Sami: Wir müssen uns auch darüber bewusst werden, dass wir gerade an einem Punkt sind, an dem sich zwei Generationen sehr stark von einander entfernen. Ich zähle mich dabei zu der älteren Generation. Wir haben ja eigentlich gar nichts mehr mit der neuen Generation zu tun. Ihre Welt ist nur noch Internet, nur noch Kommunikation. Wir sind noch alte Garde, wir telefonieren, wir treffen uns und machen unseren HipHop. Die nächsten Jahre wird es erst schlimm, weil wir es gar nicht nachvollziehen können. Ich glaube auch nicht einmal, dass du so fit bist wie 11- und 12-Jährigen, was Chats und so etwas angeht. Man muss das aber erkennen, um mithalten zu können. Man sagt ja so schön: Wer nicht mit der Zeit geht, muss mit der Zeit gehen.


Im Skit 7 heißt es, dass besonders Kinder von Alleinerziehenden von Armut betroffen sind. Meine erste Frage dazu, bevor wir zu den Gründen der Armut kommen, ist, woher der Trend kommt, dass es immer mehr Alleinerziehende gibt.


Sami:
Mein persönlicher Eindruck ist, dass beispielsweise im Fernsehen in Bezug auf Beziehungen oder Ehen immer nur von Probleme die Rede ist. So von wegen „Wenn du zusammen bist, dann kommt der Alltag, man lebt sich auseinander“ und so weiter. Du siehst immer nur Probleme. Es wird nicht als Normalität hingestellt, dass man vielleicht auch ein Leben lang zusammen bleibt. Ich glaube, das ist auch eine Art von unterbewusster Beeinflussung. Viele kommen auch viel zu schnell zusammen, ohne sich wirklich kennen zu lernen.

Pasu: Zum Thema „mediale Wahrnehmung“ habe ich mal etwas Interessantes gelesen. Demnach nimmt die Sicherheit in deutschen Großstädten immer weiter zu, das heißt, man ist besser ausgestattet, die Verbrechen nehmen ab. Trotzdem nimmt das Sicherheitsempfinden der Bevölkerung ab. Da wurde dann die Theorie aufgestellt, dass das mit der Anzahl von Berichten im Fernsehen zu tun hat. Es gibt unglaubliche viele Krimiserien, sogar ganze Krimisender, überall Blut und Gewalt. Und wenn Leute das konsumieren, denken sie auch, das passiert um sie herum.


Dann lasst uns speziell zu den Gründen von Armut kommen. In Skit 8 heißt es, dass die Geburtenrate sich halbiert hat, während wir das 16-fache an Kinderarmut haben.


Pasu: Armut im allgemeinen kann verschiedene Gründe haben: Lohn-Dumping, Leiharbeit usw. Dass Menschen mit 40 oder 50 schon gar nicht mehr eingestellt werden, weil sie als „zu alt“ gelten. Dass Mittelstand nichts mehr mit Sicherheit zu tun hat, weil der Weg in die Armut viel kürzer ist als früher. Hartz IV hat auch zu einer großen Verarmung beigetragen. Den Menschen wird dadurch vermittelt, dass das klassische Sozialstaatsprinzip offenbar nicht mehr zeitgemäß sei. Gleichzeitig trommeln bezahlte Experten der Versicherungsbranche in Talkshows für die private Altersvorsorge. Weisst du, wir werden jeden Tag immerzu verarscht. Frage dich immer, wer woran profitiert, das ist oft der Schlüssel zur Lösung. In einem Skit wird auch gesagt, „Kinder sind das größte Armutsrisiko in Deutschland“ – das ist extrem krass, wenn du dir das mal durch den Kopf gehen lässt. Nelson Mandela hat mal gesagt, dass man eine Gesellschaft danach beurteilen kann, wie sie ihre Kinder behandelt. Und aus der Finanzkrise wurden ja auch keine Rückschlüsse gezogen, wirklich gar keine. Es sind so viele Widersprüche, mit denen wir jeden Tag konfrontiert werden. Aber das muss man auch erst einmal erkennen.

Sami: Ich seh es simpler, viel einfacher. Du musst nur den Fernseher anschalten. Womit wirbt zum Beispiel Media Markt?


Mario Barth?


Sami: Das meinte ich jetzt nicht. (lacht) Mit was für einem Angebot werben sie? „Zahl später, Null Prozent Zinsen.“ Ich bin noch so aufgewachsen, dass meine Mutter mir gesagt hat, dass ich mein Geld sparen soll und mir nur das kaufen soll, was ich mir leisten kann. „Wenn du 1000 Euro hast, kannst du dir etwas für 100 leisten – das ist ok.“ So waren die Dimensionen. Ich sollte Geld immer erst einmal anlegen, damit ich Sicherheiten habe. So etwas wird heute doch gar nicht mehr kommuniziert. Heute heißt es: „Hier, Kreditkarte, damit kannst du alles kaufen und bezahlst einfach später.“ Die Leute haben verlernt, wie man reich wird. Ein schlauer Jude hat mal gesagt: „Man wird nicht reich mit dem, was man verdient, sondern mit dem, womit man mehr spart.“ Viele Leute haben einfach verlernt zu sparen oder sich einfach auch mal zurückzunehmen. Zur Zeit wird einem eingeredet, dass man Dinge haben kann, obwohl man gar kein Geld hat. Der Staat verschuldet sich ja auch. Der zahlt seine Schulden mit neuen Schulden. Das wird uns vorgelebt, wie soll man da noch lernen, Geld zu verdienen und zu sparen? Welches Kind kennt heutzutage noch Sparbücher?


Also geht es wieder auf irgendeine Generation vorher zurück, die ihren Kindern das Sparen nicht beigebracht hat?


Sami: Genau. Meine Meinung ist: Es fehlt einfach das Wissen. Wissen ist Macht. Wenn man diesen Spruch verstehst, dann hat dieser Spruch auch immer Recht. Wenn du deine Kinder nicht richtig erziehst, dann hast du einfach nicht genug Wissen darüber. Und damit schadest du dir ja auch selbst. Später bist du dann alt und einsam, weil du deine Kinder falsch erzogen hast. Und du hast natürlich zusätzlich noch das Leben deiner Kinder versaut.


Ihr habt jetzt teilweise den Staat kritisiert. Auch auf der CD wird dieser mehrmals angeprangert, allen voran auf dem Track von Pan & Artist.


Sami: Wenn es um Politik geht, ist das der beste Track auf dem Sampler.


Wie zufrieden seid ihr mit dem Ausgang der Wahlen?


Pasu: Egal, welche Parteien am Ende gewählt werden, sie werden von immer weniger Menschen gewählt. Das heißt, sie haben von immer weniger Menschen den Auftrag zu regieren. Die Wahlbeteiligung zur letztes Wahl war um einiges geringer als vor vier Jahren. Wenn die weiter sinkt, dann schadet das dem kümmerlichen Rest an Demokratie, den wir evtl. Noch haben. Konkret zu den aktuellen Wahlergebnissen wüsste ich kein Argument, das für Schwarz-Gelb gesprochen hätte, es sei denn man gehört zu deren Klientel. Die SPD war aber auch keine Alternative mehr, die hatte längst eine Deckungsgleichheit mit der CDU erreicht. CDU und SPD haben sich nicht viel genommen, das war nahezu einheitlich, völlig austauschbar. Und die FDP, ja, zu der muss man wohl nicht viel sagen. Ihr Anteil kam durch diejenigen zustande, die der Wahl fern geblieben sind. Es gibt keinen logischen Grund, dass 15 Prozent der Bevölkerung FDP wählen würden.

Sami: Als Businessmann wählt man natürlich CDU. Ich denke auch, das ist der Grund, warum die CDU gewonnen hat. Das sind eben die Leute, die noch wählen gehen, die nutzen ihre Chancen. Und um mal ehrlich zu sein: Politik wird nicht von der Politik, sondern von der Wirtschaft gemacht. Die Gesellschaft hat den Bezug zur Politik verloren. Ein Großteil der Gesellschaft lebt ja auch nur noch virtuell.


Berlin hingegen wird Rot-Rot regiert. Sagt euch das mehr zu?


Sami: Also politisch kann ich gar keine Aussagen machen, da finde ich, jeder soll wählen, was er will.


Also hast du auch keine Partei, bei der du denkst, dass es für die Bekämpfung der Probleme, die wir gerade erörtern, förderlich wäre, wenn sie regieren würde?


Sami: Nein, gar nicht. Und wenn ich eine hätte, dann würde sie eh nichts erreichen. Weil, wie schon gesagt habe: die Politik wird von der Wirtschaft gemacht.

Pasu: Ich könnte jetzt auch weit ausholen, über Lobbyismus und solche Themen, aber was er da gesagt hat, stimmt schon alles.



Dann kommen wir so langsam zum Ende. Stichwort „Deutschlands Vergessene Kinder 3“ – könnt ihr euch eine Genre-Erweiterung vorstellen?


Sami: Unbedingt! Das wollten wir ja schon beim zweiten Teil. Leider ist das nicht von uns abhängig. Am Ende sind die Künstler die Macher. Natürlich fragen wir auch ganz viele Leute an und haben da schon in andere Genres vorgefühlt. Da ist aber das Problem, dass HipHop ein sehr schlechtes Image hat und da sagen viele Leute von vornherein ab, weil sie mit HipHop nichts zu tun haben wollen. Damit haben wir stark zu kämpfen. Auch viele Fernsehsender, die das Thema durchaus interessant finden, sagen dann „Ach nee, HipHop ist nicht unser Thema.“Also es liegt nicht an uns. Wir sind offen. Selbst für Volksmusik! (lacht)


Gibt es Wunschkünstler außerhalb der Rapszene?


Sami: Einer meiner Traumkünstler war ja Michael Jackson, aber der ist ja nun nicht mehr.

Pasu: Oh, wie bescheiden, Michael Jackson.

Sami: (lacht) Also dann noch Herbert Grönemeyer, das wäre fantastisch. Tokio Hotel haben wir angefragt, hätten wir uns sehr gut vorstellen können. Bushido, um den echten Rap mal zu kriegen. Seh ich da gerade Zweifel in deinen Augen?


Ich wunder mich nur, weil es ja um Künstler außerhalb der Rapszene ging.


Sami: Bushido macht sehr, sehr guten Pop. Er macht populäre Musik und verkörpert Rap in der Popbranche. Besser als jeder andere, da kann ihm keiner das Wasser reichen. Dennoch hat er viele Anhänger in der Rap-Szene, weil er der erfolgreichste Rapper ist, und Erfolg macht immer sexy. So wird er ein Vorbild für die Kids. Die wollen alle werden wie er. Er verkörpert ja einen Traum. Er ist aber schon über die Grenzen von Rap hinaus eine große Nummer. Er ist derjenige, der für Rap in Deutschland steht.
Pasu: Das klingt so großartig.

Sami: Wenn die Medien über Rap berichten, da wird kein KAAS oder Curse genannt. Den Medien geht es auch nicht um Raptechnik oder gute Texte, es geht einfach um das Entertainment.


Was kann man sonst von Mellowvibes demnächst erwarten? Ich habe mich immer gefragt, was aus MC Jeremy geworden ist.


Sami: MC Jeremy ist jetzt Webdesigner. Er hat ja damals mit uns den Hit „Mein Dorf“ gemacht und hat damit auch großen Erfolg gehabt. Das war unter anderem der Titeltrack zu „Big Brother – Das Dorf“. In vielen Filmen war es Filmmusik. Bei „Bauer sucht Frau“ wurde es auch eingespielt. Danach war ein Album geplant, aber ich habe gemerkt, dass er daran kaputt gegangen wäre, er war damals auch noch sehr, sehr jung. Seine Mutter ist so eine Art von Managerin, das war ihm auch schon zu viel. Ich wollte ihn auch nicht verbraten. Ich habe ihm auch von vornherein jede Illusion genommen, und ihm gesagt, dass er jetzt zwar einen Hit hat, das aber einmalig ist und nie wieder vorkommen wird. Er sollte sich auf keinen Fall einreden, dass er ein Star ist. Letztendlich haben wir es dann bei der einen Sache gelassen.


Wie stehst du zu Formaten wie „Big Brother“ oder „Bauer sucht Frau“? Vorhin hast du das Fernsehen ja massiv kritisiert.


Sami: George Orwell sagt dir was?


Ja, 1984.


Sami: Big Brother is watching you. Ich halte nichts von solchen Formaten. Aber das ist ja meine persönliche Meinung. Ich bin eine Privatperson, aber auch eine geschäftliche Person. Im Geschäft zählen ganz andere Regeln. Ich halte es da so, dass es einigermaßen konform läuft. Also ich gehe nicht für das Geschäft über Leichen. Das machen andere Leute und die haben damit dann sicherlich auch mehr Erfolg, aber mir ist da wichtiger, dass ich nachts gut schlafen kann.

Pasu: Mellowvibes Media wird in Zukunft vor allem als Agentur für Musikdienstleistungen fungieren. Wir fassen das unter der Marke Rent-A-Label zusammen. In Einzelleistungen und Paketen kann man sich alles zusammenstellen, was benötigt wird für eine professionelle Veröffentlichung, von der CD/DVD-Pressung, über die Öffentlichkeits- und Pressearbeit bis hin zum Vertrieb, Videodreh und so weiter. Auf Wunsch kommt alles aus einer Hand.

Sami: Ansonsten hat Colos sein neues Album gerade erst rausgebracht, da denken wir gerade über eine Tour nach. Wir wollen in Österreich, Schweiz und Deutschland was mit ihm machen. Hammer & Zirkel haben Ende Dezember ihr Demo fertig, das sie uns vorschlagen wollen. Danach können wir in etwa absehen, wann das neue Album rauskommt. Emine Bahar, unsere Sängerin, strebt eine große Karriere an, das ist auch eher etwas internationales, das geht in die Richtung Pop bis House. Da verhandeln wir gerade mit diversen Majors, weil wir ihr als kleines Label nicht im Weg stehen wollen. Hammer & Zirkel hatten auch einen guten Start, sind aber noch auf der Selbstfindungsreise, da muss man abwarten. Auf jeden Fall haben wir da insgesamt drei Themen, die wir betreuen.


Dann muss ich euch natürlich auch noch zu eurer Meinung zum Medium CD und der Zukunft von legalen Downloads befragen.


Sami: Also mein Cousin, dieser Penner, sagt mir doch kalt ins Gesicht, dass er sich alle Alben, die wir rausbringen, runtergeladen hat. Ich frage ihn „Warum, unterstütz es doch!“  Da fragt er „Warum? Wenn es das dort umsonst gibt, wieso soll ich es kaufen?“ Absolut krass. Ich glaube, Geld verdienen kannst du nur noch über Konzerte und Merchandise. Eine CD ist nur noch dazu da, um darauf hinzuweisen, dass es neue Musik gibt.


Also an legale Downloads glaubst du auch nicht als Alternative?


Sami: Nein, gar nicht. Also man verkauft natürlich Downloads, aber das natürlich auch in viel zu kleiner Zahl. Also in unserem Genre, ich spreche jetzt nur über Rap.

Pasu: Die legalen Downloads fangen nicht ansatzweise das auf, was durch die illegalen Downloads weggebrochen ist. Time will tell.

Sami: Da sollte man sich keine Illusion machen. Der Markt ist tot, da haben viele Leute einfach viel verpennt und da ist einfach eine Generation heran gewachsen, die das nicht versteht, wieso sie dafür Geld zahlen sollen. Ich kann das nachvollziehen, ich bin nicht extrem böse darüber, aber es ist natürlich schade. Das Bewusstsein dafür ist eben nicht mehr da. Deshalb wird Rap nie mehr groß in Deutschland.

Pasu: Deshalb machen wir aber die Agentur, um daran in Zukunft zu arbeiten. Wir reden Interessierten und Kunden auch nicht nach dem Mund, sondern geben ehrliche Tipps und Hinweise, welche Schritte sinnvoll wären.

Sami: So sieht es aus. Wir wollen dafür sorgen, dass es besser wird. Wir haben auch schon ein paar Konzepte, aber darüber wollen wir noch nicht reden. Jedenfalls wollen wir, dass es besser wird, dass auch Künstler erhalten bleiben. Du siehst ja, dass ein Label nach dem anderen schließt. Es geht immer so lange, bis sie kein Geld mehr verdienen. Die müssen ja von etwas leben. Das ist auch ganz normal. Da kümmern sich große Majors eben nicht darum. Wir wollen uns eben darum kümmern, den Leuten helfen, vernünftige Konzepte zu entwerfen, damit sie auch an Geld kommen. Das ist auch in unserem Interesse, weil sie uns ja nicht bezahlen können, wenn sie nichts verdienen.

Pasu: Alle, die zu uns kommen, habe schon gewisse Vorstellungen im Kopf. In der Regel nehmen ich ihnen dann erstmal alle Illusionen, die unberechtigt sind, um danach auf einem realistischen Level reden zu können.

Sami: Nehmen wir zum Beispiel Danny Fresh. Großartiger Rapper. Der spielt unfassbar viele Konzerte. Den kannte wirklich keine Sau in der HipHop-Szene. Und wenn, dann nur aus den früheren Zeiten. Dem haben wir verholfen, erst einmal in die Szene reinzukommen und ein wenig bekannt zu werden. Der war als Vorgruppe für Xavier Naidoo unterwegs, er hat Songs für ihn geschrieben. Der lebt von seiner Musik. Und keiner in der Szene kennt ihn.

Pasu: Andere, die jeden Tag über ihre Verkaufszahlen und Erfolg reden, bei denen weiß man genau, dass die sich nicht durch ihre Musik finanzieren. Und dann gibt es eben Leute, die man seit 10 Jahren nicht mehr auf dem Schirm hat, die niemand kennt, die sich über ihre Musik in anderen Bereichen etabliert haben, ob nun im Theater oder bei Workhops oder sonst irgendwas, und dann davon leben. Das finde ich immer wieder faszinierend. Über diese Leute liest man in der Regel gar nichts.


Dann danke ich für das Interview und die letzten Worte gehören euch.


Sami: Ich danke MeinRap.de. Supportet den Sampler, damit supportet ihr auch eure Zukunft.

Pasu: Der Sampler ist die schönste Möglichkeit, die deutschsprachiger Rap jemals geschaffen hat, sich selbst einen Gefallen und gleichzeitig noch etwas Gutes zu tun. Gerade jetzt auch vor Weihnachten. Ich glaube, wer ein bisschen offen für Musik ist oder wer sowieso deutschen Rap mag, für den ist das eine coole Sache. Das gesamte Geld fließt wieder in die Jugendarbeit rein und wie wichtig das ist, haben wir ja gerade ausführlich erläutert.

Sami: Und man kann diesen Sampler auch gar nicht genießen, wenn man ihn nicht legal erworben hat. Man hat einfach ein schlechtes Gewissen, und das ist auch gut so.


Im Forum diskutieren.


(mh)