“Gangsterrap ist nicht mehr interessant”

MeinRap.de traf Sebastian Schweizer, Geschäftsführer von Chimperator, um über die Geschichte und den elften Geburtstag des Labels, den Rückgang von Gangsterrap und KAAS’ unfreiwilliges Image zu sprechen.
Hi Basti. Als erstes möchte ich dich bitten, dich einmal vorzustellen und deine Funktion bei Chimperator ein bisschen zu erläutern.
Ich habe mit Freunden Chimperator 1999 gegründet und bin mit Kodimey zusammen das einzige Gründungsmitglied, das immer noch dabei ist. Ich habe damals schon angefangen, mich ein bisschen um das Organisatorische zu kümmern und habe dann das ganze Setting aufgebaut, also ich habe den Vertriebsdeal besorgt, den Labelcode und was man alles braucht. Als das dann stand, habe ich das Marketing, die Künstlerentwicklung, also den ganzen kreativen Bereich. Aktuell sind wir zu dritt, Niko macht die finanzielle Geschäftsleitung und Steffen das Booking.
11 Jahre – ich habe es für einen Witz gehalten. So lange hat man euch noch gar nicht auf dem Schirm gehabt, eigentlich erst dank Maeckes und Plan B. Wie hat es denn angefangen? Ich habe gehört, dass du mal gerappt hast.
Ja…ganz früher. Wir haben, wie gesagt, ’99 angefangen, da waren wir drei Gruppen. Kesselkost, Supreme Techtics und Bejone & Vince, das war damals meine Band. ’94 habe ich angefangen zu sprühen, das weiß ich noch, weil ich die 94 immer daneben gesprüht habe. Und dann habe ich auch irgendwann angefangen zu rappen, ’96 oder ’97. Damals ging es in Stuttgart gerade so richtig rund, mit den ganzen Kopfnickersachen, 0711 und wir haben da ein bisschen parallel unser Ding gemacht und haben dann ’99 mit Supreme Techtics das erste Tape rausgebracht, auf dem dann das Logo zum ersten Mal zu sehen war. Danach gab es noch eine Kesselkost-Vinyl-EP und dann ne Zeit lang kein Release, aber wir haben auch nicht nur Releases gemacht, sondern haben auch Veranstaltungen, Auftritte und Partys gemacht, aber immer nur im Stuttgarter Raum. Dann kam 2004 das Supreme Techtics-Album und zu dem Zeitpunkt haben wir auch Maeckes & Plan B gesignt.
Woher kam der Name Chimperator?
(lacht) Das ist inzwischen ein Mythos, weil wir selber nicht mehr genau wissen, wie der Name zustande gekommen ist. Also: auf dem Supreme Techtics-Tape gab es einen Track, der “Chimperator” oder “Chimp-Chimperator” hieß. Aber da hatten wir schon das Logo, deshalb wissen wir gar nicht so richtig, wie das nun entstanden ist. Wir haben bei unseren Shows damals auch oft mit Freestyle-Einlagen gearbeitet und dann hatten wir immer Hooks, die standen, und in den Parts wurde dann gefreestylet, und eine dieser Hooks war dann irgendwas mit “Lass den Affen raus” und das Publikum musste dann Affengeräusche machen. Irgendwie hatten es einfach mit Affen. Ich habe damals an der Uni eine Arbeit geschrieben über die Kommunikation zwischen Mensch und Affe und da ging es darum, dass man Schimpansen die Taubstummensprache beigebracht hat. Das war unglaublich faszinierend. Wenn sie diese Sprache gelernt hatten, konnten sie sich unterhalten auf dem Intellekt-Level eines vierjährigen Kindes. Jedenfalls muss sich diese Affen-Idee irgendwann verselbstständigt haben.
Und wieso hast du aufgehört zu rappen?
Zu Beginn waren wir ja nur ein Freundeskreis aus Musikern, die veröffentlichen wollten, ohne uns groß Gedanken zu machen, wie ein Label funktioniert. Aber ich habe dann schnell gemerkt, dass mir das Spaß macht, weil ich das wohl auch ein bisschen kann. Irgendwann dachte ich mir “Ey, wir haben doch schon lauter Rapper, wir haben aber wenig Leute, die sich um das Geschäftliche kümmern. Also wieso soll ich auch noch rappen?” Es hat mir natürlich Spaß gemacht, das war ja der Grund, weshalb ich es auch eine Weile gemacht habe, aber irgendwie wollte ich dann nicht mehr.
Ich habe im Chimperator-Jahresrückblick gelesen, dass du außerdem noch bei Optik gearbeitet hast.
Ja, ich war 2007 mit meinem Studium fertig und bin 2006 Vater geworden. Deshalb habe ich mir zu Ende des Studiums gesagt, dass ich noch einen Job brauche, bei dem ein bisschen mehr Geld bei rumkommt, und habe mich noch während des Studiums beworben und habe direkt nach dem Studium bei Optik angefangen und bin dafür extra nach Berlin gezogen. Alles für meine Tochter, weil ich nicht so ohne Absicherung dastehen wollte. Optik habe ich dann hauptberuflich und Chimperator nebenbei gemacht. Chimperator habe ich auch während des Studiums gemacht, das war also keine so großes Umstellung. Und dann habe ich bis zur Schließung bei Optik als Produktmanager gearbeitet.
Was ist dann an die Stelle von Optik getreten? Geld brauchst du ja sicherlich weiterhin.
Der Ersatz dafür ist jetzt quasi Stoprocent. Ich habe im März 2009 hier angefangen. Stoprocent ist eigentlich eine polnische Klamottenmarke, in Polen gibt es die schon zehn Jahre und sie ist da die größte HipHop-Marke. Während der Zeit bei Optik haben wir schon zusammen gearbeitet, dadurch kam der Kontakt zustande. Die haben dann jemanden gesucht, um in Deutschland bekannt zu werden, wollten hier ein Büro eröffnen. Mit Klamotten kannte ich mich noch nicht so aus, da habe ich außer Merchandise noch nichts gemacht – und dann habe ich da angefangen. Wenn alles klappt, höre ich hier aber bald wieder auf und mache ab März nur noch hauptberuflich Chimperator.
Zweiter Punkt, wieso ich den Geburtstag für einen Witz hielt: Wieso feiert ihr 11 und nicht 10 Jahre Chimperator?
Das haben wir schon ein bisschen mit Absicht gemacht, weil halt alle 10 Jahre gemacht hätten. Wir fanden auch, dass ein Label-Sampler schon ausgelutscht genug ist. Außerdem hatten wir überlegt, wie wir diese ganze Sache dann nennen sollen und da klangen 11 Jahren auch irgendwie toller. Es passte auch vom Timing her besser.
Ihr habt euch also schon beim zehnten Geburtstag überlegt, dass ihr zum elften definitiv etwas macht?
Ja. Wir haben 2009 quasi gemerkt “Hups, zehn Jahre gibt es uns schon, da müssen wir was machen!” Dann haben wir uns überlegt, einen Sampler zu machen, so als Geburtstagsgeschenk für uns selber. Schnell wurde uns auch klar, dass das eine Weile dauert, bis dieser Sampler fertig ist, und dann haben wir uns entschieden, dass wir lieber 11 Jahre feiern.
Wie genau lief die Arbeit am Sampler dann ab? In den Videos sieht es nach gezielter Arbeit aus, allerdings ist mit “Hi” auch ein ziemlich alter Track drauf.
Zu Beginn haben wir erst einmal geguckt, welche fertigen Tracks wir schon haben, die wir verwenden können. “Der “Hi”-Track war ja eigentlich mal für das Maeckes&Plan B-Album gedacht, das wir eigentlich nach der Neopunk-Tour mit Prinz Pi rausbringen wollten. Den hatten wir jedenfalls übrig. Ansonsten sind wir schon letztes Jahr im Sommer ins Studio und haben da eine Woche gearbeitet, da bin ich extra runter gefahren und war mit dabei. Aber eigentlich haben wir da mehr gegrillt als aufgenommen. (lacht) Naja, und wie es halt so ist. Dann wird es immer enger, bis die Jungs halt dringend ins Studio müssen, und dann wurde es auch nach und nach etwas.
Also war das der einzige Track, der vorher stand?
Ich bin mir unsicher, ob der Tua-Track mit Vasee, “Um deinen Block”, nicht auch vorher schon existierte. Aber die anderen Songs sind definitiv keine Überreste, sondern explizit für den Sampler gemacht worden.
Wie kam der Kontakt zu Wasi zustande?
KAAS hatte ja auf seinem Album den Song “Nichtsnutz ’09″ drauf, der an den “Nichtsnutz”-Song von Wasi ein bisschen angelehnt war. Ich glaube, die beiden hatten schon damals kurz Mail-Kontakt, das habe ich allerdings nicht genau mitbekommen, das Album wurde schon während der Optik-Zeit aufgenommen. Savas hat wohl damals den Kontakt hergestellt. Später hat sich Wasi dann mal bei mir gemeldet, über Facebook. Da haben wir gerade für KAAS’ Album noch Beats gesucht, dafür wollte er uns gerne etwas schicken, was er dann auch getan hat. Dann haben wir uns mal hier in Berlin in einer Bar getroffen, der arbeitet hier gleich um die Ecke. Der macht halt immer noch Beats und mal gucken, vielleicht machen wir noch öfter was mit ihm.
Sind die restlichen Töne noch aktiv?
Auf jeden Fall. Wasi war sogar der einzige, der zeitweise ein bisschen verschwunden war. Schowi macht vor allem DJ-Sachen, der lebt auch in Berlin, glaub ich, und macht viel mit DJ Passion zusammen, irgendwelche House-Rap-Elektro-Clubsachen. 5ter Ton arbeitet natürlich auch als DJ. Bei Ju weiß ich nicht, was der macht. Aber als Rapkombo Massive Töne machen die wohl schon länger nichts mehr. Und Wasi ist ja eh nach dem Überfall-Album ausgestiegen.
Da wir schon über Nichtsnutz ’09 sprechen: Ich hab gehört, dazu gibt es ein Video?
Ja, das hat demnächst Premiere bei Yavido.
Auf dem Sampler ist ein Track über die Chimperator-Historie. Bis auf Kodimey fehlen ja allen Rappern 5 oder mehr Jahre. Stört das nicht, ist man da nicht versucht, doch nochmal zu rappen?
Nein, überhaupt nicht. (lacht) Ich habe mich da voll drüber gefreut. Gerade während der Arbeit am Sampler ist mir erst so richtig bewusst geworden, wie sehr Chimperator mein Leben beeinflusst hat. Mein ganzer Freundeskreis hat damit zu tun, mein Studium hat damit zu tun gehabt, mein Beruf hat damit zu tun. Und die letzten zehn Jahre, ich bin jetzt 30, das sind ja sehr prägende Jahre für ein Leben, und während dieser Zeit hat mich Chimperator immer begleitet. Bestimmt sind deshalb teilweise auch Beziehungen kaputt gegangen, aber auch welche entstanden. Ich bekomme bei dem Track Gänsehaut, das hat mich sehr gefreut, dass sie den gemacht haben. Und ansonsten: Kodimey ist ja von Beginn an dabei und für die Hörer ist es wohl auch nicht so schlimm, dass bei den anderen Rappern ein paar Jahre fehlen, die kennen uns ja meistens auch erst seit 2004. Es erzählt halt jeder Rapper seine Geschichte, wie er zu uns gestoßen ist.
Du hast im Interview mit Staiger beschrieben, dass du dir immer genau überlegst, welcher Rapper welche Zielgruppe anspricht und wie man diese am besten erreicht. Wo siehst du denn die Unterschiede zwischen den Chimperator-Artists, was das angeht?
Also die Orsons haben eine sehr junge Zielgruppe, die jüngste von allen. Eventuell noch mit KAAS zusammen, weil sich die Orsons und KAAS noch teilweise überschneiden. Ich glaube, die größten Unterschiede liegen da im Alter. Maeckes zum Beispiel spricht viel ältere Leute an. Der ist ja sehr kompliziert, er ist nachdenklicher, trauriger, zynischer, das ist eher was für ältere Leute, Maeckes als Solo-Künstler ist einfach ernster als die Orsons oder KAAS. Obwohl KAAS auch eine ernste Seite hat, die er aber von seiner Art her einfach anders verpackt als Maeckes. Ich denke, viele kennen diese ernste Seite von KAAS auch gar nicht. In der aktuellen JUICE sagt Manuellsen wieder irgendwas über KAAS und seine Gummibärenbande, das hat gar nichts mit KAAS zu tun. Das denkt man vielleicht auf den ersten Blick, aber wenn man sich die Texte mal genauer anhört, versteht man das, dass er nicht über Gummibärchen rappt. Und Tua ist natürlich nochmal etwas ganz anderes. Das ist auch ein älteres Publikum, da geht es um Drogen, um Aggressivität, es geht dunkel und hektisch zu in der Musik. Mit “Graue Musik” geht er demnächst sehr in die elektronische Richtung und ich denke, dass man da auch crossovern kann zu anderen Genres, was wir auch gerne mit den Orsons machen möchten. So sprechen wir dann auch noch neue Leute an.

Kann es sein, dass alle Zielgruppen eine gewisse Internetverbundenheit gemeinsam haben? Da seid ihr ja mit Youtube, Twitter und Blogs ziemlich aktiv.
Ja, auf jeden Fall. Ich bin mir nicht sicher, ob das nur von den Künstlern kommt oder auch von uns als Label, es ist wahrscheinlich ein Zusammenspiel. Das ist sicherlich unser Vorteil, dass wir mit Communities und Blogs aufgewachsen sind und diese auch sofort genutzt und uns nicht irgendwie dem gegenüber versperrt haben. Ich glaube, für viele ältere Künstler war das erstmal etwas neues, was sie nicht kannten, MySpace haben natürlich viele mitgemacht, aber SchuelerVZ und sowas war für viele erstmal uninteressant. Aber das sind halt Sachen, die unglaublich wichtig sind und wo sich jugendlichen Hörer einfach aufhalten, weshalb man damit super arbeiten kann. Das wäre ja blöd, wenn man es nicht nutzen würde.
Gab es bei KAAS denn Überlegungen, die ganze Sache dann doch etwas ernster aufzuziehen, damit es der Message gerecht wird?
Ich überlege das schon immer, aber… (überlegt) Eigentlich haben wir es ja gemacht. Ich bin mir nur nicht sicher, wieso es nicht ganz funktioniert hat. Die Hälfte des TAFKAAZ :D-Albums sind ja ernste Tracks. Allen voran der Amokzahltag-Track, mit dem wir sehr präsent in den Medien waren. Deswegen kann ich nicht so ganz nachvollziehen, wieso manche Leute immer noch denken, KAAS wäre ein Clown. Es liegt vielleicht an den Videos, weil wir das Amokzahltag-Video aus dem Internet komplett rausgenommen haben. Wenn man jetzt Videos sucht, findet man nur “Sam Cooke” und “Wunderschöne Welt”, das ist ja alles bunt und fröhlich – vielleicht liegt es daran.
War das denn die Absicht dahinter, als ihr Nichtsnutz ’09 ausgewählt habt?
Ursprünglich war Amokzahltag ja das erste Video und auch der erste Track auf dem Album. Das zweite Video “Wunderschöne Welt” sollte dann als komplettes Gegenstück fungieren, weil es der letzte Track auf dem Album ist, so dass man quasi eine Gradwanderung vom Bösen zum Guten hat. Durch diese Amok-Geschichte zwischendrin ist der erste Teil ja quasi weggebrochen. Vielleicht ändert sich das jetzt ein bisschen mit dem Nichtsnutz ’09-Video und später auch mit dem neuen KAAS-Album.
Ihr seid ja durchaus noch offen für weitere Signings – wer fehlt denn noch, der sich in die Gruppe mit einfügen kann?
Ich habe mir letztens erst eine Band angeguckt. Nicht, weil ich die signen wollte, ich bin da einfach durch Zufall hin gekommen. Die heißen “Deine Jugend”. Die kennt man wahrscheinlich nicht, die sind auch kein Rap-Projekt, das ist so eine Mischung aus Elektro, Rap und Punk. Aus Mannheim sind die, mit ner Frau als Sängerin und Frontfrau. Die Band fand ich jedenfalls sehr gut. Und dann gibt es noch “Kraftmaschine” oder so. Die habe ich im Blog von Herrn Merkt zum ersten Mal gesehen, die sind aus Dresden, glaube ich. Die fand ich auch toll, die haben mir gut gefallen, würde ich auch gerne mal live sehen. Das ist aber eher eine Mischung aus Rock und Rap. Außerdem finde ich natürlich Casper sehr gut, den hätte ich gerne geholt, aber der ist ja nun leider woanders. Ansonsten weiß ich auch nicht, aber wir gucken schon immer.
Ich habe immer das Gefühl, Kodimey ist ein bisschen das Sorgenkind bei Chimperator. Er ist von Beginn an dabei, aber ist am wenigsten bekannt von den Künstlern. Liegt das daran, dass ihm bisher so ein Stempel gefehlt hat, den ihr ihm kürzlicher mit der Nerd-Sache verpasst habt?
Es natürlich bei Acts wie einem KAAS oder Maeckes oder den Orsons, die ja sehr greifbar sind, schwierig für ihn, sich zu positionieren, und natürlich auch für das Label. Dadurch, dass er sowohl beim Label arbeitet, aber auch Künstler ist, ist das auch ein anderes Arbeiten. Das ist schwieriger, als wenn man so klare Verhältnisse hat, wenn auf einer Seite das Label und auf der anderen der Künstler ist, der dann sein Album abgibt und das Label gibt denn ne Meinung ab oder arbeitet damit. Bei Kodimey ist es aber vermischt. Dieses Nerd-Ding, was du angesprochen hast, ist ja eigentlich die Schublade, in der er als Privatperson drin ist. Der hat zu Hause einen riesigen Schrank, wo lauter Mangakram drin steht – ich kenn mich mit diesem japanischen Zeug nicht aus. Der hat da auch ein riesiges Star Wars-Schiff und He-Man-Figuren stehen und putzt die immer und guckt sich einmal die Woche auf jeden Fall Star Wars an. So ist er und so war er schon immer. Aber ihm war natürlich auch klar, dass das nicht als sonderlich “cool” da draußen gilt und er hat sich wohl auch ein bisschen finden müssen, bis er gesagt hat “Okay, das is mein Ding.”
Meint ihr, mit der Nerdrap-Sache wird er bekannter? Wollen Nerds denn Nerdrap hören?
Meinst du nicht? Also ich glaube schon, dass Leute, die mit dieser Thematik zu tun haben, das cool finden, weil es halt etwas ist, was aus ihrer Welt berichtet.
Bei dem “Digital”-Song habe ich aber eher eine kritische Haltung rausgehört, obwohl es nicht explizit gesagt wird.
Ja, ich habe bei den Youtube-Kommentaren gelesen. “Was soll das, erst kritisieren und dann bei Youtube reinstellen?” Aber ich selbst finde es nicht so kritisch. Es ist eher eine Bestandsaufnahme, die nur aussagt: Unsere aktuelle Welt ist digital. Ich finde nicht, dass er es kritisiert. Na gut, doch, ein bisschen. Aber natürlich sind für einen Typen, der Neo-Konsole spielt, Internet und Computer etwas anderes. Deshalb passt das eigentlich schon zusammen. Er ist da mehr auf Konsolen ausgerichtet, wobei er natürlich mit Computern klar kommt.
Gleichzeitig mit dem Sampler bringt ihr die Tua-CD “Stille” heraus. Da ist mit “Inzwischen” eine CD drauf, die schonmal veröffentlicht wurde. Ich habe die damals gekauft und fühle mich ein bisschen hintergangen, weil ich für die gleichen Tracks jetzt nochmal bezahlen würde. Habt ihr das bedacht?
(überlegt) Fühlst du dich da echt verarscht?
Naja, ich müsste nunmal für Tracks zahlen, für die ich schon gezahlt habe, um die neuen Tracks zu hören.
(überlegt) Nein, also so haben wir das noch nicht gesehen. Tua macht ja sehr viele Sachen. Der macht “Graue Musik”, er hat das Album mit Vasee, selber hat er eigentlich auch schon ein Album fertig. Wir haben zu ihm dann gesagt, dass von ihm auch mal wieder irgendwas rauskommen muss und er wollte auch etwas veröffentlichen. Ich persönlich finde diese beiden EPs, “Fast” und “Inzwischen”, richtig krass, ich höre die privat sehr oft. Er hat dann geäußert, dass wohl nur die Hälfte der Leute mitbekommen hat, dass das damals rauskam, und dass er mit der Veröffentlichung unzufrieden war. Dann haben wir gesagt “Lass uns die zusammen packen, wir machen noch ein paar Songs extra drauf und bringen es nochmal raus” – es war nicht so, dass wir uns gesagt haben “Okay, hähä, wie können wir den Fans noch Geld aus der Tasche ziehen?” Ich glaube sogar, dass Tua im Forum gefragt hat, was die Fans von der Idee halten. Käufer der “Inzwischen”-EP müssen dann wohl leider warten. Aber ich denke, in absehbarer Zeit wird es die neuen Tracks dann bei iTunes geben.
Rap.de hat deine Aussage als Titel gewählt, dass ihr wie Aggro Berlin 2003 wärt – diese Aussage hat schon ein wenig polarisiert. Möchtest du das nochmal etwas erläutern?
Staiger ist natürlich so einer, der sich sowas rauspickt und es sofort als Überschrift nimmt – ist aber auch eine gute Überschrift. Die Frage war ja, ob wir nun “das Game übernehmen”. Das war ja schon irgendwie ironisch, alle haben erstmal gelacht. Trotzdem war es ja eine Frage, wie es denn nun weiter geht. Und eigentlich meine ich das auch ernst, so wie ich das gesagt habe. 2003 hatte Aggro noch keinen Hit, waren deshalb auch noch nicht komplett am Durchstarten, aber man schon gemerkt, dass da etwas neues passiert, was krass werden könnte. Wenn man diese Situation betrachtet – natürlich überhaupt nicht musikalisch oder von den Images und Looks her vergleichbar – finde ich, sind wir an einem ähnlichen Punkt angelangt mit unseren Künstlern und den Reaktionen des Publikums darauf, weil die durch ihre Art einfach anecken und viele es auch gar nicht begreifen können und sich darüber aufregen. Die Hälfte mag, was sie machen, und die andere hasst es. Das meinte ich damit, das lässt sich vergleichen. Ob es dann so wird und ob wir wirklich unseren “Mein Block”-Hit landen, das ist natürlich nochmal eine andere Sache.

Hältst du den Rückgang von Gangsterrap für förderlich? Man kann das ja durchaus als eine Art Gegenwind sehen. Ist jetzt die Bahn frei?
Gangsterrap gab es jetzt seit acht Jahren oder so und hat jetzt einfach seinen Zenit erreicht und wird weniger werden, glaube ich. Nach einer Weile wird es halt langweilig. Wenn man zurück denkt, war das immer so. Da gab es Torch und Advanced Chemistry, das haben viele gefeiert. Irgendwann wurde es zu viel und dann kamen… (überlegt) keine Ahnung, Massive Töne vielleicht. Dann haben die Leute gemerkt, dass man auch über etwas anderes rappen kann als “rettet Vinyl und HipHop ist Sprühen und Breaken.” Das war dann auch irgendwann zu viel. Dann kam vielleicht ein Bushido-Album raus. Daher denke ich schon, dass das förderlich ist. So langsam sind dann auch die Medien so weit. Medien und Majors brauchen immer ein bisschen länger, bis es bei denen angekommen ist, aber ich glaube, es hilft uns, wenn die dann gemerkt haben, dass Gangsterrap nicht mehr so interessant ist.
Und irgendwann ist es dann mit Chimperator-Musik auch zu viel.
(lacht) Ich hoffe, dass uns rechtzeitig vorher etwas neues einfällt.
Ihr bringt jetzt in drei Monaten drei CDs raus – geht es denn so weiter?
Ich hoffe doch. Also KAAS kommt mit seinem Solo-Album. Ein Tua&Vasee-Album haben wir, ein sehr gutes. Die Orsons haben vielleicht ein Album, über das ich nicht sprechen darf. Plan B möchte ein Solo-Album machen.
Plan B ist nicht ganz so produktiv wie Maeckes, oder?
Nein, wie Maeckes sowieso nicht. Maeckes ist schon sehr produktiv.
Tua ja auch, hast du gesagt, nur erscheinen jetzt zwei Maeckes-Soloalben hintereinander.
Tua ist perfektionistischer als Maeckes, glaube ich. Maeckes belastet es, wenn er was fertig hat und es bei ihm rumliegt, und wenn das nicht veröffentlicht wurde nach einer gewissen Zeit, stellt er es ins Netz. Er will das weghaben und dann kann er das für sich einfach abhaken. Tua hingegen wartet, bis er komplett damit zufrieden ist, bis alles sitzt.
Kommen wir zur letzten Frage: Was passiert, wenn ihr nochmal zwei Neupressungen machen lassen müsst?
(lacht) Oh Gott, das weiß ich nicht. Das war finanziell sehr krass für uns. Das sind wir mit Müh und Not und auch dadurch, dass es sich sehr gut verkauft hat – am besten bis jetzt von unseren Sachen – mit Ach und Krach nochmal durchgekommen. Das war ja nicht nur die Pressung, da kamen Anwaltskosten und sowas dazu. Das war ganz schön scheiße. Inzwischen hat sich das glücklicherweise ein bisschen geändert, weil wir einen anderen Deal haben mit Grooveattack, da müssen wir nicht mehr in Vorkasse gehen. Davor war es so, dass wir die CDs selber gezahlt und pressen lassen und zu Grooveattack gebracht haben. Inzwischen geben wir denen nur noch das Master, die zahlen die Produktion und es wird am Ende verrechnet. Deswegen wäre es jetzt kein finanzieller Knockout mehr. Aber es wäre natürlich trotzdem unglaublich scheiße.
Dann danke ich für das Interview.
Ich danke auch, hat mich gefreut.
(mh)





