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“Die dunkle Seite in den Mainstream schleusen”

15 Mai 2010

Vier Jahre, nachdem JAW uns von seinem “Schock fürs Leben” berichtet hat, folgt nun mit seinem zweiten Soloalbum “Täter-Opfer-Ausgleich” der Versuch, anderen Menschen einen solchen Schock zu ersparen oder zumindest erträglicher zu machen. MeinRap.de sprach mit JAW über das Album, sein Weltbild und die Utopie einer gerechten Gesellschaft.


Was ist das Konzept des Albums?

Das Album bringt mir für mich Gerechtigkeit und Erfüllung. Es hilft mir, Dinge aus der Vergangenheit zu verarbeiten und endlich alles auf den Nenner zu bringen, von dem ich sagen kann, dass ich damit endlich abschließen kann.


Wie hat man sich dein Leben als Opfer vorzustellen? Wovon warst du Opfer?

Ich war in meiner Jugend und natürlich auch im Kindesalter ein sehr offenherziges, gutmütiges und vermutlich auch gutgläubiges Wesen. Ich bin einige Male Menschen begegnet, die sich dies zu Nutze machten und mich sozusagen zu ihrem kleinen persönlichen Spielball umfunktionierten, was einem in einem gewissen Alter schon gut zusetzen kann. Außerdem – zu einem gewissen Teil auch daraus resultierend – habe ich einen langen, psychischen Krankheitsverlauf hinter mir, von zig Therapeuten über Klapse bis hin zu was weiß ich für komischen Heilergestalten. Auch in dieser Erfahrungsetappe habe ich einiges über Menschen gelernt und darüber, wie sich diese instinktiv, vermutlich ihren animalischen Grundtrieben entsprechend, gegenüber dem evolutionär Schwachen beziehungsweise Geschwächten verhalten. Um meine meine Wut über dies alles auszudrücken, vor allem aber auch zum Aufzeigen der menschlichen Defizite wurde der Täter-Opfer-Ausgleich ins Leben gerufen.


Also geht es weniger um Rache, sondern darum, die Täter darauf aufmerksam zu machen, dass sie überhaupt Täter sind?

Die persönlichen Racheakte sind eigentlich nur im Sinne der Kunst und für meine persönliche Verarbeitung gedacht. Ich fühle mich ehrlich gesagt ziemlich gut, wenn ich die höre. Die generellen Hinweise auf menschliche Verhaltensweisen haben durchaus einen plakativen, aufzeigenden Effekt und sind schon dafür gedacht, dass man sich über das Verhalten des Umfelds sowie das eigene Verhalten Gedanken machen sollte.


Besagte Racheakte sind teilweise sehr detailliert mit Wohnort, Vornamen und Erfahrungen aus der Schule. Sind sie auf reale Personen bezogen?

Ja, beide beziehen sich auf zuvor genannte Spielball-Personen aus meiner Jugend.


Worin liegt die Ursache dafür, dass es zu einem so angespannten Täter-Opfer-Verhältnis gekommen ist?

Grundsätzlich bei dem, was ich bereits nannte und einer generellen menschlichen Tendenz, das Andersartige zu verurteilen und zu meiden. Hinzu kommt das Phänomen eines mehr oder weniger ausgeprägten Egoismus, der Menschen dazu verleitet, sich einen Nutzen zu verschaffen, unabhängig davon, ob sie anderen dadurch schaden. Man muss sich eben auch klarmachen, dass wir als soziale Wesen immer noch zu einem riesigen Teil unterbewusst und animalisch instinktiv gesteuert sind. Wir stehen morgens auf und essen, um unserem Nahrungstrieb nachzukommen. Wir gehen zur Arbeit, um über finanzielle Sicherheit unseren Arterhalt zu garantieren, wofür wir wiederum dem stumpfen „Survival of the fittest“-Prinzip folgen müssen, in diesem Falle der mit dem höchsten Ausbildungs- beziehungsweise akademischem Grad. Wir treffen uns mit Freunden, um unserem lebensnotwendigen Bedürfnis nach sozialem Kontakt und Nähe nachzukommen. Hierbei zieht das biologisch oder gesellschaftlich schwache Glied oder auch das Andersartige meist den Kürzeren, es erfolgt sozusagen die natürliche Selektion. Wenn wir uns dies bewusster machen, sind wir meines Erachtens auch wieder zu einem wahrhaftigeren, wenn auch in gewissem Sinne halb-sozialen Leben fähig.


Wie sähe denn die ideale Welt für dich aus?

Eine ideale Welt wird es nie geben, da die Zufriedenstellung aller menschlichen Bedürfnisse eine Utopie ist. Wir können aber noch sehr, sehr viel lernen, was das Auskommen untereinander wie auch unseren Umgang mit unserer nicht nur sehr verletzlichen, sondern auch schnell erschöpften Erde betrifft. Dies auszuführen, würde hier aber jetzt den Rahmen sprengen.


Also ist es eine Art Naturgesetz, dass es immer eine Täter-Opfer-Hierarchie geben wird?

Ganz richtig. Die Vielzahl der menschlichen Erscheinungen bringt ja schon automatisch ein Stärker-Schwächer mit sich sowie zahlreiche Konflikte, in denen die, die sich eingeengt fühlen, sich denen widersetzen, die ihr Verhalten als berechtigten Territoriumsanspruch sehen. Genau das möchte ich ja mitbeleuchten.



In einem der Tracks wird auch der Vater des eigentlichen Täters bestraft. Inwiefern beeinflusst die Erziehung, ob man Täter oder Opfer wird?

Die Erziehung eines Menschen spielt eine große Rolle, wie man ja seit langem weiß. Wer seinem Kind keine Werte vermittelt, trägt natürlich auch immer eine Mitverantwortung für dessen spätere Missetaten. Für einen heranwachsenden Menschen ist die elterliche Figur immer noch die stärkste Bindungs- und Bezugsperson, deswegen sollte man Kinder meines Erachtens auch nur dann großziehen, wenn man weiß wie. Allein die mütterliche Zuneigung in den ersten Wochen eines Neugeborenen hat gravierenden Einfluss auf das spätere Stressempfinden und die Stabilität.


Wer trägt die größere Verantwortung dafür, dass ein Mensch zum Opfer wird – das Opfer selbst oder die Täter?

Mit Sicherheit ist es ein zweischneidiges Schwert. Die Ursache liegt wohl bei beiden, da ein Opfer vor allem dann zum Opfer wird, wenn es nicht gelernt hat, sich zu widersetzen und vor allem auch ein eigenes Selbstwertgefühl zu entwickeln, das sich apart von den negativen Urteilen einigermaßen stabil hält. Die Schuld kann man aber mit Sicherheit nicht bei einem Opfer suchen, denn nur weil eine Frau zu schwach ist, sich gegen einen Vergewaltiger zu verteidigen, rechtfertigt und entschuldigt das niemals die Tat. Die Verantwortung ist stets beim Aggressor zu suchen, wobei man sozusagen zum Selbstschutz sicher Maßnahmen ergreifen kann, um sich manche Übergriffe zu ersparen.


Auf dem PCP-Album fällt die Line „Wer beim Blasen nicht kotzt, der kann es auch lassen“ – das habe ich nie so recht verstanden. Die Line ist zwar nicht von dir, aber ich finde nicht, dass das nach einem Menschen oder einer Gruppe klingt, die sich nach einer besseren, fairen Welt sehnt.

Also erstmal ist die Zeile völlig aus dem Zusammenhang gerissen. Im Track „Lache und die Welt weint mit dir“ geht es darum, möglichst viele Verhaltensweisen an den Tag zu legen, die anderen Menschen auf den Sack gehen, und in Anbetracht der Apokalypse die Sau rauszulassen. Dinge zu tun, über die die Menschen nicht gerade lachen und die wir im letzten apokalyptischen Treiben als witzig hinstellen. Ganz ehrlich, wenn ich den Track jetzt wieder höre, stelle ich auch wieder fest, dass jeder von uns das auch wieder ein bisschen für sich interpretiert hat und oft haben wir ja das Problem, dass wir der Meinung sind, der jeweils Andere rappt am Inhalt vorbei. Wir sind vier sehr unterschiedliche Zeitgenossen, die die Musik und das Unverständnis über das Leben an sich verbindet, was den Tracks aber auch wieder einen gewissen chaotischen Reiz verleiht. Zudem sollte man langsam zu unterscheiden lernen, was künstlerische Freizügigkeit und vor allem Humorauslebung ist. Ich kann Witze über mich selbst machen, lache aber auch über frauenverachtende Texte, auch wenn ich diese Ideologien, wenn man diese in Unterhaltungskunst finden möchte, nicht auslebe. Ich lache mich auch über manche Tiere kaputt oder irgendwelche Verhaltensweisen von Leuten. Wenn ich diesen Humor musikalisch umsetze und mich das unterhält, sehe ich da keine große Problematik, schließlich ist niemand gezwungen, das alles zu teilen oder sich mehrfach zu geben. Wie man zwischenmenschlich miteinander umgeht, ist wieder eine ganz andere Sache und ich sag es immer wieder gerne: ich mache keine Pädagogenmusik, die großartige soziale Ansätze zur Weltverbesserung liefern soll, sondern praktiziere eine Form des Aufzeigens und der Ausschüttung innerer Emotionen.


Deine Musik stellt deine Persönlichkeit und dein Weltbild oft in den Fokus von Diskussionen. Verfolgst du solche Debatten?

Teils teils, manchmal rege ich mich über komplette Idiotien und Verblendung schon auf, prinzipiell kann ich aber, glaub ich, recht humorvoll mit fast allen Arten der Kritik leben. Interessant ist, dass genau die Dinge, die ich der Gesellschaft ankreide, gerade im HipHop-Community-Wesen oft bestätigt werden, weil hier eine doch sehr ausgeprägte Form der Intoleranz und Engstirnigkeit bis hin zur völligen Verdummung vorherrscht. Aber das ist teilweise auch richtig unterhaltsam.


Welche persönliche Entwicklung hast du seit „Schock fürs Leben“ durchgemacht?

Vieles hat sich verbessert. Schock fürs Leben hab ich zu einem nicht unwesentlichen Teil in der Anstalt geschrieben und damals ging es mir wirklich noch dreckig. Ich glaube, man hört auch eine gewisse Verkrampftheit, wenn man mit heutigen Produktionen vergleicht. Ich habe gelernt, viele Dinge zu akzeptieren und auch mit der Erkrankung positiv und progressiv umzugehen und alles in meiner Macht stehende zu tun, um ein erträgliches Leben zu führen. Mir geht es deutlich besser und nunja, mit dem Täter-Opfer-Ausgleich dürfen endlich auch mal die anderen leiden. (grinst)


In „Dokta Jotta“ sagst du, dass Therapeuten deine CDs kaufen. Inwiefern spielt deine Musik eine Rolle in Therapie-Sitzungen?

Die spielt immer wieder mal eine Rolle. Ich denke, die meisten finden es gut, manche sehen auch eine gewisse Gefahr darin, dass ich mich zu sehr mit dem Düsteren auseinandersetze. Ich halte das aber in gesunden Grenzen und lebe nicht, wie vielleicht viele denken, in einem dunklen Keller mit Grabkerzen unter der täglichen Praktizierung satanischer Okkultriten.


„Schock fürs Leben“ ist bereits 4 Jahre her. Wie lange hast du an „TOA“ gearbeitet und stand von Anfang an das Konzept?

Das Konzept stand von Anfang an und die ersten drei Songs waren TOA I, II und „Elena“, wenn ich mich recht entsinne. Ich wollte es aber nicht zu düster und abgründig halten, sondern auch Dokta Jotta wieder genügend Spielraum geben. Insgesamt passt aber jeder Song in das Konzept „Aufzeigen von Missständen“ und somit auch „Rache an öffentlicher Ignoranz und Unwissenheit“.



Es gibt wieder ein paar wenige Gesangseinlagen, auch auf „Gehirn im Mixer“ und dem Chissmann-Tape hast du schon einmal gesungen. Hast du dir mal überlegt, einen kompletten Gesangstrack zu machen?

Lieber nicht, mein Gesang ist völlig behindert und auf HipHop-Beats zu singen klingt – wie viele deutsche Interpreten eindrucksvoll bewiesen haben – sehr nach Pappschachtelemotion. Vielleicht mach ich mal richtige Musik mit Gesang, aber das ist in weiter Ferne.


Für dieses Album hast du groß die Werbetrommel gerührt. Man hatte das Gefühl, du wolltest dieses Mal einen richtig großen Wurf landen mit dem Release. Ist das so?

Ich gehe meist nach dem Prinzip „ganz oder gar nicht“, wenn ich was wirklich will. Meine Musik ist keine Vier-Wände-Unterhaltung, sondern hat ,wie bereits erwähnt, einen aufzeigenden Aspekt und ich wollte der Musik das Ausmaß an Publicity verschaffen, das ich für das Konzept als notwendig erachte. Ich versuche, die dunkle Seite in den Mainstream zu schleusen.


Die Weisse-Scheisse-Fans warten gespannt auf das Private-Paul-Album. Was kannst du schon verraten?

Ich kann nur sagen, dass es ein sehr gutes Ding wird und ein schöner, wenn auch düsterer Trip in die Welt des Emopunkrap. Mehr wird man dann noch erfahren, wenn es soweit ist.


Und Genaueres zu deinen Kollabo-EPs mit Absztrakkt und Adolph Ghandi?

Nunja, das sind die nächsten beiden Projekte…so seh ich das!


Dann danke ich für das Interview und die letzten Worte gehören dir.

Kauft das Album, wenn es euch etwas bedeutet oder gefällt. Sorgt dafür, dass in einer Welt voller Schönheits-OPs, Steuerberatungs-Lifestyle-Soaps und oberflächlichem Teenygehabe auch die andere Seite der Medaille betrachtet wird. Visit www.weissescheisse.de!


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(mh)