Kay One – Kenneth allein zu Haus (Review)

Gut Ding will Weile haben. Ganze 9 Jahre nach seinem ersten Plattendeal bei Royalbunker erschien nun endlich das von der Fanbase heiß erwartete Debütalbum von Kay One – und wurde von diesem auch noch als etwas ganz anderes angekündigt, als man erwarten würde.
Im Groben teilt sich “Kenneth allein zu Haus” in zwei Arten von Tracks. Auf der einen Seite sind da die Songs, auf denen Kay ordentlich die Sau rauslässt. Auf gitarrenlastigen Beats stellt er sich dem Hörer vor (“Kenneth allein zu Haus”), preist sich als “Rockstar” mit allem, was den Mädchen so gefällt (“Style & das Geld”), an. Diese Tracks machen Spaß, Kay One nimmt sich selbst nicht zu ernst und kann mit einer soliden Technik aufwarten, auch wenn man aus früheren Zeiten weiß, dass er hier nur einen Bruchteil dessen zeigt, was er eigentlich drauf hat. Das erhoffte Skill-Massaker, zu dem Kay zweifelsohne fähig gewesen wäre, bleibt hier leider aus. Soundtechnisch sticht hier natürlich die zweite Single “Ich brech Herzen” heraus, auf der Kay in bester Stevie-B-Manier den Popstar miemt. Zwar ist dieser Style seit Sidos “Carmen” auch in der Rapszene nicht mehr unbedingt neu, ein Ohrwurm ist es dennoch.
“Im Himmel kipp ich Gin und Juice/
nenn mich Juelz, denn ich zeig nur aus Langeweile meinen Geldbündel im Interview/
du Nutte liest mein Facebook Status jetzt/
was kann ich dafür, dass du im Gaypuff Anus leckst/
lieg mit ner Schlampe im Bett und ich kenn mich aus/
der Playboy reißt dir jetzt mal einfach doggystyle deine Extensions raus/”
Andererseits befinden sich allerlei Songs auf dem Album, auf denen Kenneth sich als nachdenklicher Mensch präsentiert. So gewährt er uns Einblick in seine Gedanken nach einem nächtlichen Besäufnis voller Einsamkeit (“So allein”) und spricht über sein Leben, auf das er bei seinem Tod zufrieden zurück blicken möchte (“Irgendwann”) – super.
Leider sind das dann auch die einzigen Höhepunkte in dieser Kategorie. Die restlichen Tracks sind nach dem üblichen Baukastenschema für deepe Songs gebaut, Piano-Beats treffen auf Gesangshooks, vorzugsweise von Philippe Heithier, und werden mit einem schon tausendmal dagewesen Text für den verlorenen Bruder (“In Liebe, dein Bruder”) oder die verflossene Geliebte (“Bitte vergiss mich nicht”, “Verzeih mir”) versehen. Das mag alles Hand und Fuß haben und auf realen Geschehnissen basieren, wirkt als Track aber nur wenig innovativ. Auf die Spitze getrieben wird das Ganze mit dem Dankeschön-Track “Bushido”. Natürlich ist es der größte Loyalitätsbeweis, wenn so ein Song auch auf dem Album landet, der Nutzen für den Hörer ist allerdings ziemlich gering.
“Nehm’ nen Zug von der Kippe, ich atme aus/
alles fällt mir auf den Kopf, Gott, lass mich raus/
denn die Rechnungen stapeln sich, deshalb schlaf’ ich abends nicht/
da hilft auch der Schuldenberater nicht/
Und dieser Kühlschrank – wofür hab ich den gekauft?/
Meine ganze scheiß Vision war ein Traum/
Ich kann nicht mehr, Schnaps hilft zu vergessen/
mein Kopf ist voll, ich will chillen und nicht rappen/”
In Sachen Features stützt sich Kay primär auf die üblichen Verdächtigen aus dem Ersguterjunge-Umfeld, die sich auch sehr gut in das Album einfügen. Lediglich der ans Mikro geeilte Benni Blanco kann nicht überzeugen und sollte an seinem scheinbar selbst erfundenen “Zigeuner-Viertel-Flow” vielleicht noch ein paar Jährchen feilen. Auch das Frauenarzt-Feature “Bis die Polizei kommt” tanzt aufgrund des elektronischen Beats etwas aus der Reihe, kann aber in der üblichen Atzen-Manier überzeugen.
Einen dicken Pluspunkt gibt es noch für die gelungene Umsetzung des Album-Konzepts durch selbstironische, humorvolle Skits, die den roten Faden erkennen lassen und den ein oder anderen Lacher für sich verbuchen können.
Fazit: “Kenneth allein zu Haus” ist ein gelungenes Debüt-Album, das über große Strecken zu unterhalten weiß. In Hinblick auf Kay Ones bisheriges Schaffen bleibt aber der bittere Nachgeschmack: Da wäre noch viel mehr gegangen. Vielleicht hätte er doch das Album machen sollen, das alle von ihm erwarten.
(mh)
Bushido feat. Kay One – Fackeln im Wind [live](Video)



