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Marteria: “…dann wäre ich ja ein normaler Rapper”

14 August 2010


Modeschauen für Hugo Boss, Länderspiele für die U-17-Auswahl des DFB und ein Auftritt beim Bundesvision Song Contest vor Millionenpublikum – über einen langweiligen Lebenslauf kann sich Marten „Marteria“ Laciny nun wirklich nicht beschweren. Wir sprachen mit dem Wahl-Berliner über sein kommendes Album „Zum Glück in die Zukunft“, Hauptstadt-Hipster und das Geheimrezept für geilen Rap.


In „Endboss“ vergleichst du das Leben mit einem Videospiel – auf welchem Level befindest du dich denn aktuell?

Auf ‘nem ganz guten Level auf jeden Fall. Es ist aber noch nicht dieses Superlevel. Es ist ein sehr gutes, beruhigendes Level, wo man ganz gelassen sein kann.


Selcuk sagte, du seist „wahrscheinlich Raps nächster Superstar“. Was kann denn noch schief gehen?

(überlegt) Ich weiß nicht. Mir ist dieses ganze Drumherum eigentlich egal, was alles passieren könnte und so weiter. Es geht darum, dass die Platte, die man macht, einen zu hundert Prozent zufrieden macht, so dass es egal ist, wie erfolgreich sie eigentlich ist, weil es darum nicht geht. Man schreibt ja Musik nicht aus diesem Ansatz heraus. Natürlich denkt man manchmal „Okay, das ist jetzt ein geiler Hit“ oder so, na klar, aber so fängt man ein Lied oder eine Platte ja nicht an – oder ich zumindest mache das nicht so. Dementsprechend kann man da immer sehr beruhigt sein, wenn das Produkt gut ist, und was dann passiert, entscheiden im Endeffekt immer noch die Leute, die es hören, verteilen und pushen. Ich glaube, bei dieser Platte ist es so, dass wenn die Leute sie hören, sie sie auch gut finden.


Lässt man sich da nicht ein bisschen beeinflussen, wenn das Feedback so positiv ist und viele einem eine große Zukunft vorhersagen?

Ich weiß, was du meinst. Aber ich habe schon so viele Sachen in meinem Leben gemacht. Ich war schon beim Bundesvision Song Contest, ich saß bei Stefan Raab auf der Couch, da dachte man doch auch „Boah, krass!“ Aber im Endeffekt ist das alles unwichtig, das interessiert halt einfach keine Sau. Das interessiert mich persönlich nicht. Meine Interessen sind nicht, überall meine Fresse hinzuhalten. Ich hab aber auch viele Sachen gesehen in meinem Leben, die negativ sind. Ich hab für 4000€ in ‘nem Hotel in New York übernachtet, hab aber auch erlebt, nur noch 1,60€ zu haben mit Golden Toast und Cervelatwurst. Also ich kenne diese Welt in ihren ganzen Facetten. Ich kenne es, Salat in einem Restaurant zu putzen und kenne es, für Hugo Boss ne Modenshow gemacht zu haben oder beim Splash vor ein paar tausend Leuten zu spielen. Dementsprechend ist das nicht wichtig. Wichtig ist einfach, dass dieses Produkt wirklich so ist und nicht einfach hochgehimmelt wird, ohne so zu sein. Aber so ist halt die Platte. Die Platte ist sehr rund und hat einfach ein Gefühl, was es lange nicht so gab im deutschen HipHop. Das ist der Ansatz von zeitloser Musik: dass man auch Themen hat, die einfach zeitloser sind als zum Beispiel ein Battlesong – der auch vollkommen seine Berechtigung hat, aber eben nicht zeitlos ist. Es ist ja nach ner Woche vorbei mit diesem Battle, dementsprechend ist das nach einem Jahr nicht mehr wichtig. Ich fand es einfach wichtig, ‘ne Platte zu machen, die durch die Themenauswahl auch langfristig funktioniert.


Wobei es auch Battlesongs gibt, über die man nach Jahren noch sagen kann: „Das ist immer noch dope!“

Natürlich, das gibt es auf jeden Fall. Das ist ja auch HipHop und so soll es ja auch sein. Privat höre ich sowieso fast nur Hardcore-Sachen aus dem Underground. Ob das nun Madlib oder Huss & Hodn ist, ist da relativ egal, ich höre es ja auch gerne. Muss ja jeder selber wissen, welchen Weg er einschlägt. Die Leute sollen aber mich nicht in Erinnerung haben als „den Battlerapper“.


Sondern als…?

Den mit den geilen Geschichten.


Für die Arbeit am Album bist du nach Dänemark gefahren – aus welchem Grund?

Der Grund ist auf jeden Fall, dass die Krauts damals bei ihren anderen Projekten wie Peter Fox oder Miss Platnum sehr gute Erfahrungen damit gemacht haben. Bei Miss Platnum waren sie zum Beispiel immer in dem Haus ihrer Eltern in Rumänien, dementsprechend hast du dann so einen Vibe, das ist wichtig für ‘ne Platte. In Dänemark waren wir, weil ich halt von der Küste bin. Da hatte ich einfach ein Haus und habe immer das Meer im Hintergrund gehört. Aber der allerwichtigste Grund ist, dass ich in Berlin keine Platte schreiben kann, weil das einfach nicht geht. Weil das Handy klingelt, weil man abgelenkt ist, weil man Termine wahrnehmen muss, weil man um 17 Uhr zum Arzt muss und dies und das. Dann kann ich mich nicht hundertprozentig auf das konzentrieren, was in dieser Phase wichtig ist. Und es war in dieser Phase wichtig, eine Platte zu schreiben und einen Vibe zu kreieren. Das kannst du, indem dein Handy für drei Wochen halt gar nicht an ist, indem du keine Ablenkung hast, von der Außenwelt komplett abgeschottet bist, nur deinen Stift und deine MPC 500 mit Beats drauf hast und einfach schreibst. Einfach alles, was man in Berlin so aufsaugt und mitbekommt, zu Papier bringen. Das geht so einfach besser als wenn man 50 mal am Tag abgelenkt ist.


Die Arbeit an dem Album hat sehr viel Zeit in Anspruch genommen. Hast du die gesamte Zeit an diesen zwölf Songs gearbeitet oder sind viele Tracks am Ende übrig geblieben?

Nein, es gab nicht wirklich mehr Songs. Die einzigen Songs, die noch übrig waren, haben wir jetzt for free rausgehauen, also „Neue Nikes“ und „Maradona-Shirt“. Es gibt nur noch einen Song, der übrig ist. Ansonsten haben wir die ganze Zeit an den 12 Songs gearbeitet. Es gibt manche Songs, die haben sieben oder acht Versionen gehabt, weil wir immer überlegt haben, wie man dieses Marteria-Ding geil machen kann, damit  es von den Beats her und so weiter alles perfekt zu mir passt. Da sollte mein kompletter musikalischer Geschmack drin stecken, mein Story-Geschmack sollte drin stecken, die Stimme musste funktionieren. Man kann da nicht einfach ‘nen Beat picken. Ich kann nicht einfach ‘nen Beat picken und drüber rappen, dann wäre ich ja ein ganz normaler Rapper. Ich habe auch nicht die Doubletimes am Start, ich hab nicht das krasse Geflexe am Start. Ich kann superkrass flexen, ich könnte das auch machen – aber ich will das nicht machen. Mein Style ist etwas anderes. Meine Stärke liegt darin, dass ich eine Geschichte erzähle und die Leute das ganz gut finden. Das ist halt sehr schwer, weil man jetzt pro Song für jedes Thema einfach 20-30 starke Bilder brauchte. Ich saß manchmal mit den Krauts für nur einen einzigen Satz fünf Tage da, während andere Rapper in dieser Zeit halt fünf Songs schreiben. Für eine Marsimoto-Scheibe mache ich dir auch in zwei Wochen 14 Songs. Aber bei dieser Scheibe musste ich sehr lange überlegen, bis für mich alles gestimmt hat.


Also bist du mit den Textideen nach Dänemark gefahren und hast dir entsprechend Beats schrauben lassen oder wie die lief das genau ab?

Ich habe da verschiedene Herangehensweisen. Manchmal schreibe ich auf einen Beat und der Beat gibt schon das Thema vor, wie zum Beispiel das Sample bei „Wie mach ich dir das klar“ mit Jan Delay. Dann mache ich halt nen Song über dieses Thema, wie man Leuten etwas klar macht und ein schwieriges Thema beibringt, wenn man jemanden entlassen muss oder so. Das ist ganz unterschiedlich. Manchmal schreibe ich auch komplett ohne Beat und entwickle das Thema aus einem Songnamen wie „Amys Weinhaus“.


Wie kam der Kontakt zu den Krauts zustande? Vorher war Dead Rabbit ja quasi dein Hausproduzent.

Also Dead Rabbit ist ja trotzdem noch auf der Platte drauf bei der Peter Fox-Nummer. Er hat aber einfach so viel zu tun im Moment und so viele andere Sachen in seinem Leben gerade, die er auf die Reihe kriegen muss, deswegen konnten wir das einfach nicht machen. Die Krauts sind halt große Marsi-Fans gewesen – so wie fast alle. (lacht) Also die fanden das fresh und man hat sich dann halt getroffen über A&R-Kontakt und dann waren wir sofort auf der gleichen Wellenlänge. Illvibe ist ein riesiger Stones Throw-Fan, Monk ist ein riesengroßer Björk-Fan. Dementsprechend hat sich das dadurch alles zu einer Freundschaft entwickelt und mittlerweile sind das mit meine besten Freunde. Wir haben da so viel reingesteckt und so viel investiert in diese Geschichte, dass es einfach zusammenwachsen musste. Das ist also eigentlich gekommen, weil sie meine Musik fresh fanden, und deswegen haben sie auch ganz viele andere Sachen abgesagt – das war natürlich mein Glück.



Kennst du den Promo-Text zum Album?

Halbwegs.


Es fällt unter anderem das Wort „Berghain-Sound“. Ist das Album diskotauglich?

Das Album ist sehr deep. Richtig diskotauglich ist es nicht. Damit ist aber auch eher etwas anderes gemeint. Ich bin nicht so ein Typ, der sich gegen irgendwas wehrt. Es gibt ja viele Rapper, die so eine Haltung haben wie „Scheiß auf eure Elektro-Szene“ und dies und das. „Scheiß auf eure Hipster-Kacke und auf euer Hier-Her-Ziehen und Drogen-Nehmen“ – kann ich alles nachvollziehen. Aber ich seh das halt anders. Um so ein Spektrum auf einer Platte zu schaffen und um den Sound, den ich mag, klar zu machen, muss ich das alles mitnehmen oder zumindest mal gesehen haben. Wenn ich mich vor gewissen Bereichen verschließen würde, ob das nun der Berghain-3-Tage-Trip ist oder sonstwas, ist scheißegal. Ich muss es trotzdem gesehen haben. Ich muss sehen, wie diese Stadt funktioniert. Wie die Leute hier leben in dieser Subkultur. Wenn ich mich vor ganz vielen Sachen verschließe, verschließe ich auch meinen eigenen Weg. Deswegen ist es auch wichtig, wenn man so einer Subkultur-Stadt wie Berlin ist, dass man dort alles aufsaugen und alles mal durchmachen muss, um so einen Großstadt-Sound hinzubekommen.


Casper hat kürzlich gesagt, dass diese ganzen Hipster einen ankotzen, wenn man in Berlin ist.

Ja, na klar kotzt einen das an! Aber mir ist das alles scheißegal. Ich bin eher so ein „Leben und leben lassen“-Typ. Ich kann das verstehen. Manchmal nervt einen das auch, manchmal findet man das scheiße. Aber in einer anderen Situation ist man dann selber wieder ein kleiner Hipster, wenn man sich irgendwo ‘nen Bagel zum Frühstück holt.


Wo wir schon bei Casper sind: Bei dem ersten Part eures Songs auf dem Album dachte ich, es würde eine richtige schöne Hass-Hymne werden, doch dann kam in der Hook eine Wendung hin zur Toleranz.

Das ist quasi die musikalische Umsetzung von dem, was ich gerade gesagt habe. Das sind Sachen, die Casper total ankotzen und Sachen, die mich total ankotzen. Aber eigentlich haben wir in meinen Augen nicht das Recht zu sagen „Ey, du bist ein Arschloch, weil du mit nem Laptop im Café sitzt“. Ganz oft findet man sich ja doch darin wieder. „Im Zoo an die Scheiben klopfen“ – wie oft hab ich das auch gemacht? Auch wenn ich es hasse, andere Leute zu sehen, die das machen. Oder „So tun, als würde man Ahnung von Wein haben“. Ich hab mich auch schon zwei-, dreimal dabei erwischt, wie ich gesagt habe „Ähhhh, das ist kein guter, weil der da und da herkommt“, dabei hab ich natürlich ‘ne Scheißahnung von Wein. Man muss sich selber akzeptieren und man muss seine Schwächen auch akzeptieren als Mensch. Wenn jemand die Onkelz total feiert und dann ‘nen Onkelz-Aufkleber auf seinem Auto hat, mein Gott, dann hat er das halt. Aber das ist eben, dass jeder so leben sollte, wie er es für richtig hält, auch wenn man das total scheiße finden kann.


Du hast das Album als „Seelenstriptease von einem Mann“ bezeichnet.

Von einem 27-jährigen Mann.


Und was hebt diesen 27-jährigen Mann und seine Musik vom Rest ab?

Das kommt darauf an, was er erlebt hat. Es ist ja mein Seelenstriptease im Endeffekt, also kann ich nur von mir reden. Diese Aussage bedeutet im Kern, dass ich mich nicht doof mache für meine Musik. Es gibt ganz viele Leute, die nicht doof sind, aber dann Musik machen und da doof sind, was ich einfach als Witz des Jahrhunderts ansehe und wo ich auch einfach nicht verstehen kann, wie man so sein kann. Okay, man will sicher Plattenverkäufe haben und die dumme Masse ansprechen wollen, aber dann unterschätzt man ja die Hörer und das ist eine Sache, die nicht niemals machen würde. Auch wenn viele Leute damals „Todesliste“ nicht verstanden haben, darf man nicht vergessen, dass es 80% verstanden haben. Und nur weil das 20% nicht verstanden haben, heißt das ja nicht, dass alle doof sind. Ich finde, es gibt nichts schlimmeres als das, was gerade im HipHop gemacht wird – dass man denkt, dass seine Hörer dumm sind. Deswegen will ich mit dieser Platte auch eine Veränderung erreichen, so dass die Leute nicht mehr sagen, dass wir alle doof sind und komplett einen an der Waffel haben, weil das einfach nicht so ist. Das muss man den Leuten halt klar machen.


In diesen 27 Jahren hast du ja schon eine Menge erlebt, wie du eingangs sagtest. Welche wichtigen Erkenntnisse für das Leben hast aus deiner Zeit als Fußballer und Model mitgenommen?

Als Fußballer habe ich als wichtigstes dieses Team-Ding mitgenommen. Ich war ja kein Einzelsportler, kein Tennisspieler. Ich habe einen extremem Team-Gedanken und das sieht man auch nach wie vor – zum Beispiel daran, wie wir die Videos machen. Mit dem, der die Videos macht, hab ich schon mit zehn Jahren bei Hansa gespielt. Mit meinem DJ habe ich schon mit sechs bei Hansa gespielt. Wir sind einfach alle eine große Crew, es gibt ganz viele Helfer, ganz viele Freunde, die mit dran arbeiten. Das habe ich, denke ich, aus diesem Fußball-Ding mitgenommen. Ich glaube, dass man im Team viel mehr erreichen kann als alleine. Aus der Model-Zeit habe ich mitgenommen… (überlegt) …dass ich nie wieder so geile Partys haben werde in meinem Leben. (lacht) Also mehr habe ich da nicht mitgenommen. Und natürlich, dass die Welt, die Medien-Welt und alles, was damit zu tun hat, sehr oberflächlich ist, und es Sachen gibt, die total unwichtig sind. Aussehen und so Scheiße, die eigentlich so latte, unwichtig und egal ist und dich nur bremst.



Um nochmal auf den Berlin-Kontext zurück zu kommen: Der wird im Promotext sehr stark betont. Ohne den Titel zu wissen, würde der Text auch auf „Stadtaffe“ passen – gab es da einen gewissen Einfluss? Bei einer Krauts-Produktion und Peter-Fox-Feature ist das ja naheliegend.

„Stadtaffe“ ist einfach ein Großstadt-Album. Das hat nicht prinzipiell was mit „Stadtaffe“ zu tun. Ich glaube, auch ein Beatsteaks-Album hat den Vibe von einer Großstadt drin. Es könnte auch Hamburg sein oder so, ich hätte da auch so eine Platte geschrieben. Aber ich hätte so eine Platte in Rostock nicht so geschrieben. Oder in Dresden. Das ist ein Unterschied, weil es kleiner ist, das ist dann ein anderer Vibe. Bei mir ist da auch noch ein Unterschied zu Pierre (Peter Fox, Anm. d. Red.), bei ihm ist es noch eine viel poppigere Nummer, auch wenn manche Sachen sehr hiphoplastig sind. Bei mir ist es ja ‘ne Rap-Scheibe. Der Unterschied ist einfach, dass ich nicht sage „Nein, das ist dies und das nicht“ oder mir wie Andere eine Gitarre in die Hand nehme und sage „Wir machen jetzt was anderes“ oder „Ich bin jetzt hier der Singer-Songwriter“ oder „Ich leg jetzt Elektro auf“ und solche Scheiße. Ich stelle mich halt hin und sage „Das ist ne Rap-Scheibe.“ Das mache ich bei der FHM, das mache ich bei der DPA und das mache ich bei MeinRap. Und das ist, glaube ich, der ganz große Unterschied zu den anderen Leuten, die Musik machen. Dass man dafür gerade steht und sich nicht versteckt. Es geht darum, nicht cool zu werden, indem ich von Rap weggehe, sondern einfach zu sagen: „Wir machen das wieder geil!“ – das ist der große Unterschied.


Was fehlt denn Rap, um wieder geil zu werden?

Das ist natürlich eine Geschmacksfrage, aber ich beantworte das jetzt mal für meinen Geschmack. Rap ist einfach viel zu plump geworden. Da haben uns sehr viele Leute musikalisch gesehen sehr viel verbaut. Ich bin einfach ein Oldschool-HipHopper, ich bin aufgewachsen in dieser Kultur, hab durch meinen großen Bruder eine Plattenkiste gehabt mit Run DMC und den Beasties, bin Kilometerweit zu Jams gefahren, habe irgendwo gemalt und habe HipHop gelebt, ich habe diese Kultur aufgesaugt. Ich habe mir alle DVDs gekauft, die es dazu gibt, hab mich für alles von Graffiti über Breakdance interessiert – und das ist eine Sache, die es nicht mehr gibt. Es hat in einer Minderheit begonnen und ist zu einer Mainstream-Sache geworden, was auch vollkommen okay ist, aber die Leute haben vergessen, worum es geht. Eigentlich ist es kein Rap, es ist eher Sprechen über Scheiße. Zumindest ganz oft. Über Rap zu rappen kann auch toll sein und ich höre es mir auch gerne an, aber um wirklich classic zu sein und wieder dieses Gefühl von Rap zu bekommen, muss man einfach ganz anders an Texte herangehen. Da reicht es auch nicht, wenn im Video einer breakt und es reicht auch nicht, dass ich mich vor eine Graffiti-Wand stelle. Das ist kein Rap. Rap ist im Endeffekt das, was dein Leben widerspiegelt. Und wenn das immer nur Heuchlerei ist, nur Quatsch und übertrieben ist – ich find Übertreibungen auch super – aber es gibt nen großen Unterschied zwischen Deutschland und Amerika, das darf man nicht vergessen. Auch, wenn es hier soziale Brennpunkte gibt und ich einen Nate57 oder einen Haftbefehl total abfeiern kann und mir sogar eine Nate-Scheibe kaufe, dann mache ich das, weil es eben ein Gefühl ist und er nicht alle drei Sätze „ficken“ und immer nur „Arschloch, Arschloch“ sagt, sondern einfach seinen Umstand beschreibt. Ich nehme diesen Künstler von der ersten Sekunde an, wo ich „Waffenfreie Zone“ oder noch früher „Blaulicht“ gesehen habe, ernst. Das war ein anderes Gefühl, obwohl es auf den ersten Blick gleich aussieht: Ausländer auf dem Kiez, es ist Action, es sind Gangster, dies und das – und trotzdem war es anders. Und das ist, glaube ich, der Unterschied.


Dann würde ich dich gerne am Ende noch auf einen interessanten Fakt ansprechen, auf den ich gestoßen bin: Du hast bei der Aufnahmeprüfung an der Schauspielschule Aphroe zitiert?

Ja, man muss eben an so einer Schule erst aufgenommen werden und ich hatte keine Ahnung. Man musste da einen alten Monolog und einen neuen Monolog nehmen und ein Lied singen. Also habe ich “Faust” genommen, weil ich das aus der Schule kannte. Außerdem war ich halt ein Riesenfan von Aphroe oder RAG allgemein, aber eigentlich war Aphroe mein Gott, und diese „Eiszeit“-Strophe von der Roey Marquis-Scheibe „Ming“ war lyrisch einfach ein so wahnsinniges Ding, dass ich mir dachte „Okay, das hat es auch verdient.“ Gesungen habe ich was von J-Luv, „Frankfurt am Meer“, war auch ein wahnsinniger Song von seinem ersten Album damals. Tja, und ich wurde dann aufgenommen, es war also anscheinend ganz okay. Ich fand diesen Text einfach so wahnsinnig, so tief, so krass, deshalb musste ich es einfach machen, weil er mein Rap-Vorbild war.


Dementsprechend waren dann wohl auch die Reaktionen, als Aphroe kürzlich ein neues Release angekündigt hat?

Ja, ich hab mich gefreut und bin gespannt, wie es ist. Ob er dieses Niveau hat, das er damals hatte, und ob es noch dieser Vibe ist. Der hat eigentlich schon immer besser gerappt als jeder andere Rapper immer noch heute rappt. Schon zu Zeiten mit Scope und Torch oder mit MC Rene auf „Zeitreise“ – da hat der schon Sachen gerappt, da wussten die Leute noch gar nicht, was Doppelreime sind. Ich fand es geil, was die deutsche Sprache so hergibt. Ich hoffe, dass er das jetzt auch wieder macht.


Im Forum diskutieren.


(mh)


Fotocredits: Paul Ripke