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Hammer & Zirkel: “Das Album hätte Gold verdient”

21 August 2010


Seit dem Debüt-Album “Musik ist unser Leben, darum werden wir Erzieher” hat sich bei Hammer & Zirkel viel getan. Weg von Plattenbau Ost, ein eigenes Comedy-Format, ein neues Mitglied. MeinRap.de traf sich mit zwei Dritteln der Gruppe in einer Lichtenberger Dönerbude und sprach mit ihnen über Britney Spears, Selbsthilfe für Deutschrap, Kuscheltiere und Dieter Bohlen.


Man sieht es heute nicht, aber die größte Änderung bei euch ist, dass ihr jetzt zu dritt seid. Wie kam das denn?

Zirkel: Das kam eigentlich direkt nach dem ersten Album. Wir mussten uns die Live-Sets immer selber zusammen schnippeln, was ja auch kein Problem ist, aber wir wollten die Qualität der Live-Sachen einfach steigern. Henrik (DJ Tracksau, Anm. d. Red.) war schon vorher in unserem Freundeskreis, aber wir haben lange überlegt, wen wir nun als DJ dazu holen, da wir auch ein-zwei namhafte Angebote hatten. Aufgrund der Freundschaft haben wir uns dann aber für Henrik entschieden. Außerdem ist der Kontrast sehr gut zwischen zwei großen, stämmigen Glatzköpfen und einem Menschen, der sehr lange, zottelige Hundehaare hat – das traue ich mich nur zu sagen, weil er heute nicht hier ist – jedenfalls ist das Kontrastbild sehr cool. Seit Henrik dabei haben, hat man uns nie wieder als Nazis beschimpft, womit wir beim ersten Album noch zu kämpfen hatten. Ja, und so kam das dann halt, einfach aus Freundschaft – passend zum Albumtitel.


Stand dann auch von Anfang an fest, dass er Teil der Gruppe „Hammer & Zirkel“ wird?

Zirkel: Wir sind halt solche Ganz-oder-garnicht-Typen. Was soll das auch, wenn wir „Hammer & Zirkel plus DJ irgendwas“ sagen? Wir wollten schon, dass er ein Teil davon ist. Natürlich musste das wachsen, aber das hat halt alles so gut harmoniert und gepasst.


Hammer: Da wir bei Hammer & Zirkel auch alles selber machen, gibt es immer eine bestimmte Aufgabenverteilung. Da kann er einfach Sachen, die wir nicht können, die aber wichtig sind, wenn man das ganze Musikding so durchziehen, so wie wir es aktuell machen. Wir haben jetzt einen, der produziert; einen, der die Stimme ist; einen, der Connections hält und im Hintergrund die Fäden zieht, was auch Zirkel ist – und dann halt Henrik, der die Live-Sets macht, der DJ-Erfahrung hat. Er sorgt auch dafür, dass auf der Bühne alles ein bisschen lockerer ist, weil man auch spontan etwas machen kann. Früher hatten wir eine CD, die durchlief, und wussten, dass man zwischen Track fünf und sechs etwa 30 Sekunden Zeit, um kurz witzig zu sein, aber dann darfst du deinen Einsatz nicht verpassen. Mit einem DJ ist man da flexibler. Außerdem kann Henrik alles, was mit Kameras zu tun hat, sehr gut. Er macht zum Beispiel unser „Quatsch ohne Soße“, daher wären wir sehr aufgeschmissen, wenn wir ihn beim zweiten Album nicht dabei hätten.

Zirkel: Das Krasse bei ihm ist, dass er das nie gelernt hat. Er arbeitet zwar beim Fernsehen, aber nicht als Kameramann oder Cutter. Er bringt sich das selbst gerade alles bei und macht riesige Fortschritte. Nächstes Jahr werden wir wohl keine anderen Videos als die mit ihm drehen. Heute ist er übrigens arbeiten, beim DFB-Pokal von Watweißicke für irgendeine Fernsehübertragung. Schöne Grüße.


Hat er auch Einfluss auf die Musik genommen?

Zirkel: Nö, das hat er auch von Anfang an gesagt. Für die Leute, die das jetzt nicht sehen können, weil es ein schriftliches Interview ist: Da ist gerade ein Auto über eine Glasflasche gefahren und die Reifen sind explodiert. (lacht)

Hammer: Ich glaube, der ist mit seinem Blinker gegen die Wand gefahren.

Zirkel: Stimmt. Dann ist er eben mit seinem Blinker gegen ‘ne Mauer gefahren. Idiot. So. Egal. Henrik hat jedenfalls von Anfang an gesagt, dass er uns musikalisch nicht reinreden will, weil er immer das Gefühl hatte, dass das schon alles richtig ist. Natürlich gibt es immer mal Entscheidungen, dafür sind wir ‘ne Gruppe. Das Schöne ist, dass jetzt immer alles demokratisch entschieden wird. Vorher ging es danach, wer den dickeren Schädel hatte – jetzt wird einfach abgestimmt und dann ist gut. Enthaltung gibt es nicht. Aber direkt auf die Musik hat er keinen Einfluss, das ist zu 95% auf Georgs (Hammers, Anm. d. Red.) und meinem Mist gewachsen.


Wie lange habt ihr an dem Album gearbeitet?

Zirkel: Wir haben im Sommer letzten Jahres angefangen und uns überlegt, was wir wie wo aussagen wollen, und haben von Oktober bis Anfang Dezember reine Recordingzeit gehabt. Das Album ist so, wie es jetzt ist, quasi seit Dezember fertig. Der einzige Song, der länger gedauert hat, war der Song mit Sido und Laas, wegen dem Kinderchor und weil Siggi auch immer viel zu tun hat. Daher wurde der Song erst eine Woche vor dem Mastering fertig und hat ein halbes Jahr Entstehungszeit gebraucht.


Kam es dann wegen dem Song so spät raus oder hat das andere Ursachen?

Zirkel: (überlegt) Also wir wollten Sido natürlich drauf haben, wenn wir diese Möglichkeit haben, dann versuchen wir die natürlich auch zu nutzen. Wir schätzen uns da realistisch ein. Ich glaube, innerhalb der Szene haben wir ein besseres Standing als bei den Fans. Ich weiß allerdings nicht, ob wir das Album dafür jetzt nochmal extrem verschoben hätten. Ursprünglich wollten wir es im März rausbringen, wollten dann aber auch Savas nicht in die Quere kommen, weil der sonst nichts mehr verkauft hätte. (lacht) Nee, also das hat dann alles noch nicht gepasst, weil wir eine gute Vorbereitungsphase haben wollten, und dann haben wir das mit unserer PR-Managerin und unserem Team abgesprochen und uns dann für August entschlossen. Wir wollten es auch nicht überstürzen. Beim ersten Album hatten wir ja einen kleinen Hype durch Rapcity und die Ostlerhackfleischplatte, aber vor dem Album direkt gab es wenig Promo. Dieses Mal wollten wir mehr im Vorhinein machen, wobei auch viel nach dem Release passieren wird.

Hammer: Wir wollten auf das Album einfach gut vorbereitet sein und haben im Zuge dessen noch die EP mit Liquit gemacht. Die sollte uns nochmal ins Gespräch bringen und das hat auch ganz gut geklappt. Wir wollen nicht, dass das Album floppt.


Auf dem Album ist Liquit wiederum nicht vertreten.

Hammer: Das ist richtig.

Zirkel: Wir haben ja ‘ne EP mit ihm gemacht. Ich glaube, Liquit war auch ein bisschen traurig und natürlich hätten wir ihn auch gerne mit drauf gehabt. Aber einerseits arbeitet er gerade selbst an einem Album und ist sehr beschäftigt, andererseits muss ein Song sich auch gut ins Album einreihen. Das weiß Liquit auch. Dafür sind wir auch zu gut befreundet, wir telefonieren täglich miteinander und so. Da ist niemand bockig, weil er nicht auf dem Album von dem anderen ist. Das hat musikalisch bei diesem Album einfach nicht gepasst. Vielleicht ist er auf dem nächsten zwei oder drei mal drauf. Wird aber eher unwahrscheinlich sein. (lacht)

Hammer: Vielleicht ist er auch gar nicht mehr bei „Two and a half men“ Teil 2 dabei. (lacht)

Zirkel: (lacht) Also wie gesagt, wir haben ‘ne ganze EP zusammen gemacht und es wird auch noch eine EP kommen dieses Jahr.


Mit Liquit hattet ihr auch eine Wette am Laufen, die ihr verloren habt, weshalb ihr jeweils 10 Kilo abnehmen musstet. Wie ist der Stand der Dinge?

Zirkel: Georg hat schon wieder fünf Kilo zugepackt. (lacht)

Hammer: Ja, ich habe noch nicht so ganz verstanden, wie man abnimmt. Ich habe da auch nicht solche Übung drin, ich habe mein Leben lang nur zugenommen und auf einmal soll ich andersrum essen – das kann ich irgendwie noch nicht so richtig. Aber ich arbeite an mir, versprochen.

Zirkel: Ich hatte zwischendurch schon sechs Kilo abgenommen, aber ich glaube, ich habe jetzt wieder vier oder fünf Kilo zugepackt durch den ganzen Album-Stress und so. Da haste du auch keinen Bock mehr, auf Ernährung zu achten und jeden Morgen joggen zu gehen. Aber ich gebe mir Mühe und Ende des Jahres werde ich die zehn Kilo auf jeden Fall weghaben.


Da ihr das Album größer aufzieht als euer Debüt – wie sind denn die Erwartungen?

Hammer: Unser Ziel ist eigentlich, dass wir wesentlich mehr Resonanzen bekommen und dass wir es schaffen, nach diesem Album in irgendeiner Form eine Tour zu stemmen. Durch Verkäufe bekommen wir das Geld nicht wieder rein, das wir ausgegeben haben. In der heutigen Zeit kriegst du das Geld eher durch eine Tour wieder rein oder durch Merchandise. Wie irgendwer mal so schlau festgestellt hat: T-Shirts kann man nicht downloaden. Von wem war das?

Zirkel: MOK hat das mal rausgehauen.

Hammer: Unser Ziel ist jedenfalls, dass es irgendwann eine Tour geben kann. Dafür müssen wir so viele Leute für unser Album begeistern, dass die Hallen voll werden.

Zirkel: Wir sehen dieses Album schon als Basis. Wir werden nicht noch einmal anderthalb oder zwei Jahre bis zum dritten Album verstreichen lassen, sondern sitzen jetzt schon wieder dran. Wir haben natürlich schon den Wunsch, irgendwann mal irgendwie davon leben zu können und wollen nicht bis zu unserem 60. Lebensjahr Erzieher sein. Wir können gerne wieder ab 40 Erzieher sein, aber bis dahin wollen wir versuchen, auch noch ein bisschen Rock’n'Roll zu leben. Dafür müssen wir jetzt ackern. Verkaufsmäßig kann man keine Erwartungen stellen. Ich kann sagen, was das Album verdient hätte und da bin ich dann auch so arrogant und sage: Das Album hätte Gold verdient. Wenn man es hört, wird man auch wissen, was ich damit meine. Danach geht es aber in der heutigen Zeit nicht, weil verdient haben es viele Künstler, aber sie bekommen leider viel zu wenig.


Was sind denn die Unterschiede zum ersten Album?

Hammer: In erster Linie ist es musikalischer geworden. Es sind weniger Songs drauf, die in die Fresse gehen, die platt und plakativ sind. Dafür wesentlich mehr Songs, die man mehrmals hören darf…

Zirkel: (unterbricht) Muss.

Hammer: Ich darf ruhig „darf“ sagen, weil es dem Leser des Interviews sagt, dass er glücklich sein darf, immer wieder über HipHop nachdenken zu können. Vielleicht war das jetzt aber auch zu kompliziert für mich selber. Jedenfalls ist es musikalischer und erwachsener geworden – so bescheuert das jetzt auch bei uns klingen mag, es ist so. Es ist verdammt ehrlich.

Zirkel: Aber nicht ehrlich wie die Straßenrapper oder so. Nichts gegen Straßenrapper, aber eben anders ehrlich, eher auf einer persönlichen Ebene. Wir machen uns da bis zu einem gewissen Grad nackig, gerade in der Einleitung, das könnte man schon als Eminem-Move sehen.

Hammer: Ich fasse das mal als Lob auf.

Zirkel: Dass du nackig bist, ist kein Lob. (lacht)

Hammer: Das möchte ich mir jetzt auch nicht vorstellen. Ähm…ja. Musikalischer sind wir auch dadurch geworden, dass Dirty Dasmo und 7inch mit produziert haben und wir uns hingesetzt und überlegt haben, wie man eine Idee bestmöglich in einem Song umsetzen kann. Wir haben nicht Beats gepickt, sondern mit einer Idee beginnend an Songs gefeilt – ich finde, das hört man ganz doll, weil auch neuartige Songkonzepte drauf sind. Es geht nicht die ganze Zeit Hook, Part, Hook, Part, Hook, Bridge, Hook. Wir haben versucht, in vielerlei Hinsicht neue Wege zu gehen. Es gibt kein deutsches Album, wo Themen so angesprochen wurden wie sie bei uns angesprochen werden. Wir haben Themen drauf, über die noch nie jemand gerappt hat. Trotzdem sind wir uns treu geblieben, weil wir immer noch lustige Songs drauf haben, das heißt Leute, die uns wegen unseres Humors feiern, werden uns weiterhin feiern. Fans von „Käthenfete“ und ähnlichen Songs kommen etwas zu kurz, aber ich glaube, nach dem ersten Album waren die Leute nicht in erster Linie wegen solchen Songs angezeckt.

Zirkel: Wir haben uns sehr krass gesteigert, sowohl Georg in Sachen Songwriting als auch ich in Sachen Produktion. Teilweise ist das auch der Einfluss von Dasmo und 7inch.



Der Hit der Platte ist für mich der „Liebessong für Britney Spears“. Warum denn Britney?

Hammer: Weil es ein ungeschriebenes Geheimnis aller Männer ist, würde ich echt so sagen. Ich habe keinen Mann kennen gelernt, der gesagt hat: „Och Britney Spears….ja….nö! Dann lieber Whitney Houston.“

Zirkel: Das ist halt auch geil! Auch unabhängig von der Optik, ich habe jedes Album von ihr. Auch die ersten beiden, diese Pop-Alben. Musikalisch kann man die ersten beiden vielleicht auch in die Tonne treten, aber ansonsten hat sie musikalisch einen krassen Weg beschritten. Natürlich hängt das viel mit den Produzenten zusammen, aber die letzten ein-zwei Alben waren schon krass. Außerdem hat sie eine krasse Lebensgeschichte. Ich finde es traurig, was die Medien mit ihr machen. Auch wenn wir uns bei dem Song teilweise über sie lustig machen.

Hammer: Wie er jetzt versucht, sie zu verteidigen, nur weil er unglücklich verliebt ist.

Zirkel: (lacht) Britney ist geil. Christina ist doch zum Beispiel voll langweilig. Die kriegt einfach ihr Kind, sagt „Ich bin erwachsen!“ und macht jetzt einen auf Lady Gaga Zwei. Das ist doch voll unspektakulär. Feierst du sie etwa nicht?


Sie gibt auf jeden Fall mehr Potenzial für Witze und dergleichen her als Christina, da gebe ich euch Recht.

Zirkel: Und als Kerl? Wenn eine Frau wie Britney vor dir stehen würde und „Na, Süßer“ sagt – da würdest du dich doch nicht umdrehen.


Natürlich nicht. Außer, wenn sie gerade Glatze trägt.

Hammer: Was soll ich sagen? Die Haare wachsen doch nach. Ich würde sie trotzdem mitnehmen.


Und wenn sie aggressiv guckend mit dem Schirm auf dich losgeht…?

Hammer: …würde ich ihr den Schirm wegnehmen. (lacht) Britney kann man nicht schlecht finden. Das ist ‘ne Traumfrau. Deswegen auch der Song. Es war Zeit, das mal zu sagen. Es traut sich ja sonst auch keiner, wenn wir es nicht machen.


Inzwischen habt ihr auch ein eigenes Comedy-Programm. Wie kam das zustande?

Hammer: Ich glaube, die Kernidee kam daher, dass Kumpels mal meinten: „Euch muss man eigentlich nur auf eine Couch setzen und die Kamera anschalten. Ihr seid am lustigsten, wenn ihr spontan seid.“

Zirkel: „Kumpels“ ist gut, das war damals der…

Hammer: (unterbricht) Ich weiß, wer es war!

Zirkel: Aber wollen wir es nicht sagen?

Hammer: Sag.

Zirkel: Es war damals Joe Rilla.

Hammer: Wobei wir immer noch cool sind mit ihm. Damals hatten wir aber nicht die Zeit. Beim zweiten Album wollten wir nicht nochmal Klicksongs, also eine Freetrack-Reihe machen. Wir hatten genug Zeit vor dem Album, also haben wir einfach unseren Humor genommen und platte Wortspiele schnell abgedreht, nochmal dumm reingequatscht und von Henrik zusammen schnippeln lassen.


In den Skits kommen in Dialog-Form auch oft Wortspiele vor. Müsst ihr auch im Alltag auf eure Wortwahl achten, weil der andere sonst direkt ‘nen dummen Spruch bringt?

Zirkel: Ja, so entsteht das auch meistens. Der DMX-Skit vom ersten Album ist beim Grillen entstanden. Das ist total häufig so. Wir steigern uns da auch noch, das merkt man schon von Folge zu Folge und wird es sicher noch mehr merken, wenn wir mal eine zweite Staffel machen. Wir sind keine gelernten Komödien-Schreiber und machen es einfach, wie wir es lustig finden. Natürlich merken wir auch, dass es bei manchen nicht gut ankommt, aber das ist halt Pech. Wer ein komplett fertiges Produkt haben will, soll sich Bastian Pastewka bei Sat1 angucken, aber da kann ich wiederum nicht lachen.

Hammer: Ich kann schon darüber lachen. Aber wenn man Hammer & Zirkel mag, mag man es auch, Leute zu sehen, die sich reinhängen und dabei wachsen. Jeder kann das bei uns sehen, sowohl musikalisch als auch lyrisch. Und jetzt machen wir eben auch was mit Bild und Ton. Da müssen wir auch noch wachsen.

Zirkel: Wir geben uns auch einfach Mühe und arbeiten dafür. Ich bin immer so ein Foren-Leser, deshalb muss ich darauf mal kurz eingehen. Wenn da Leute sagen „Sie nutzen ihre Chance nicht, weil sie ein Video bei 16bars platzieren könnten“, dann denke ich mir nur: „Du Idiot!“, weil die 16bars-Leute ja nicht auf uns zukommen und sowas sagen wie „Eure beiden Gesichter gefallen mir, bitte macht ein Video und wir laden das bei uns hoch“. Nein, das ist ein Status, den man sich lange erarbeitet hat, auch wenn wir für die Öffentlichkeit noch neu sind. Aber wir machen das hier auch schon zehn Jahre lang. Daran sieht man aber: Jeder hat die Möglichkeit zu sowas. Es ist einfach eine schlechte Ausrede, wenn jemand sagt „Ich bin gut, aber kriege keine Möglichkeit.“ Das ist Quatsch. Man muss sich diese Möglichkeit schaffen, das haben wir auch gemacht. Wir haben kein ein Label, das uns Geld gibt. Ich habe diese ganzen Manager-Aufgaben nicht gelernt. Das einzige Mal, wo uns richtig doll geholfen wurde, war als Joe Rilla uns gesignt hat. Dafür sind wir auch dankbar, genauso wie dafür, dass Sido bei uns auf dem Album ist. Aber das haben wir uns eben auch erarbeitet. So, das nur mal so als kleinen Ausraster. (lacht)


Bei den „Quatsch ohne Soße“-Folgen waren die ersten Folgen noch mehr an Wortspielen orientiert, die letzten hatten zu großen Anteilen auch andere Inhalte. Sind euch die Wortspiele ausgegangen oder wolltet ihr das Format erweitern?

Hammer: Ich würde sagen, das ist eine Mischung aus beidem. Wir drehen diese Folgen immer nebenbei, die sind nicht vorproduziert. Da hat man einen bestimmten Fundus, den man sich erarbeitet hat und den dreht man erst einmal ab, aber irgendwann geht der ja zur Neige. Und dann muss man spontan Minuten füllen. Da kam zum Beispiel das Ding mit Harris auf dem Splash, dann wurden wir oft wegen der Osterhackfleischplatte angeschrieben und so weiter. Nächste Woche gibt es wieder mehr Wortspiele, da haben wir ein bisschen mehr Zeit.


Ihr habt auf dem Album einen Song namens „Leider keine Hand frei“, wo ihr genauso wie im Intro sehr kritisch auf die Rapszene eingeht. Da liegt Rap am Boden und ihr habt keine Hand frei, um ihm aufzuhelfen. Auf eurem ersten Album heißt es aber „Deutschrap ist ein Kindergarten, deshalb sind wir richtig hier“. Müsstet ihr da nicht helfen als Erzieher?

Zirkel: Nein, das ist falsch. Natürlich kann man ein Kind, das hingefallen ist, wieder aufheben. Aber so wird es nie lernen, aufzustehen. Wenn du ständig besorgt nebenher läufst, wird das Kind nie was können. Damit lässt sich das gut vergleichen. In dem Augenblick, wo wir ihm nicht die Hand reichen, helfen wir ihm am besten. Er muss sich selbst erholen von dem ganzen Zeug, das in den letzten Jahren passiert ist. Niemand muss da was retten – er muss sich erholen. HipHop hat immer gelebt, er war meiner Meinung nach nie tot, es gab lediglich qualitative Unterschiede. Richtig guten Rap gab es auch vor drei Jahren, wo ihn alle für tot erklärt haben. Da gab es auch schon Leute wie Marteria, Franky Kubrick oder Morlockk Dilemma, die keinen Gangsterrap gemacht haben. Man musste nur tiefer buddeln.

Hammer: Wir sagen Rap ja auch in dem Song „leg doch dein Messer weg“ und noch irgendwas aus der anderen Hand – das weiß ich selbst gerade nicht. (lacht) Jedenfalls hat er die Hände selber gerade voll, weshalb er nicht aufstehen kann. Er kann den Kram ja wegpacken und sich an der Bank hochziehen, die neben ihm steht – dann wäre er wieder auf die Beine gekommen.

Zirkel: Das ist wie bei diesem einen Witz. Da ist ein Typ im Wasser und ertrinkt fast. Da schickt Gott ihm zwei Boote vorbei. Dann stirbt dieser Typ aber trotzdem und meckert dann im Himmel „Ey Gott, wieso hast du mir nicht geholfen, wieso hast du mich ertrinken lassen?“ Da sagt Gott: „Ey, bist du ein Idiot? Ich hab dir doch zwei Boote vorbei geschickt!“ Aber er hat die nicht genommen, weil er dachte: „Gott wird mir schon helfen.“ Man muss manchmal einfach nur die Sachen nehmen, die da sind, um sich selber wieder aufzuraffen.


Welche Geschichte steckt denn hinter dem Cover? Das ist ja auch sehr untypisch für ein Rap-Album.

Hammer: Auch absichtlich natürlich. Wir wollten Aufsehen erregen, Grenzen sprengen, dass die Leute über uns reden. Aber alles nicht auf Kosten von Anderen, nichts mit Beef oder so. Gleichzeitig brauchten wir ein Sinnbild für den Albumtitel und was ist besser, als eine Freundschaft dadurch zu symbolisieren, als dass man seine Mütter mit den Bildern ihre Söhne dahin stellt? Das zeigt dem Betrachter: „Krass, die sind nicht nur untereinander cool, sondern das geht auch schon in die Familie hinein.“ Das ist ein ganz fester Verbund.


Und die Kuscheltiere im Booklet?

Zirkel: Das ist auch eine Sache der Freundschaft. Das sind alles wirklich unsere allerersten Kuscheltiere. Da haben wir unsere Muttis angerufen und die mussten das raussuchen.

Hammer: Muttis sind ja auch so geil und heben die dann auf.

Zirkel: Und die sind eben ein Symbol für Freundschaft. Der beste Freund für einen ganz kleinen Jungen war doch immer das Kuscheltier. Dem hat man abends im Bett auch alles erzählt. Natürlich kann man jetzt sagen, das wäre uncool, aber jeder, der mal in die eigene Vergangenheit zurück schaut, bevor er Leute erstochen hat, wird merken, dass er da auch mit seinem Kuscheltier gesprochen hat.



In der Einleitung heißt es „HipHop ist nicht tot, Menschlichkeit ist tot“. Was genau meinst du damit?

Zirkel: Das ist natürlich eine Übertreibung. Aber man kann schon das Gefühl haben, dass sich gesellschaftliche Normen und Werte – wir hassen diese Worte eigentlich – verändern. Sie sterben nicht, aber sie verändern sich. Was wir immer merken, ist, dass die Leute uns wirklich unabhängig von unserer Musik mögen. Das ist wohl auch unser Vorteil. Wir sind aber trotzdem ehrlich und aufrichtig, wir würden niemandem in den Arsch kriechen, aber wir sind immer höflich und freundlich. Es klingt jetzt total bescheuert und verschwörungsmäßig, aber es geht alles nur noch um Geld und Sex und hier und dies und das, was uns immer traurig macht, weil wir so nicht sind. So idiotisch das sein mag in der heutigen Zeit, aber wir wünschen uns ein Stück weit immer eine Märchenwelt, wir haben sehr viel Hoffnung und glauben immer an das Gute. Umso härter treffen uns dann natürlich negative Dinge. Wir sind allerdings keine Schönmaler oder Gutwetterfußballer, wir können auch im Dreck spielen.


Dazu gibt es einen weiteren Song, „Zeiten ändern sich“, in dem ihr unter anderem kritisiert, dass die Gesellschaft inzwischen von Dieter Bohlen geprägt wird. Wie konnte es denn überhaupt soweit kommen?

Hammer: Weil wir in einem Medien.Zeitalter leben. Medien haben mehr Einfluss als jedes Buch oder jede Tageszeitung. Es ist viel einfacher, den Fernseher einzuschalten und nicht auf MDR, RBB oder ARD zu zappen, sondern gleich bei RTL hängen zu bleiben, weil man da von Sekunde Eins an auf dem subtilsten Level bespaßt. Und solange die Unterschicht in Deutschland weiter wächst, wächst auch der Anteil der Menschen, der subtil bespaßt werden will. Das ist ein elender Kreislauf, aber ich denke, das ist der Hauptgrund dafür. Das ist eigentlich auch krass. Vor sieben oder acht Jahren wurde er noch von einem Großteil der deutschen Bevölkerung gehatet. Da hörte man aus mehreren Ecken, dass er wohl menschlich nicht so der allergrößte Bringer sein soll. Musikalisch hat er seine Masche gefunden, die ja auch gut funktioniert, ich muss bei Mark Medlock leider auch immer mal mitjodeln. Von Modern Talking habe ich sogar zwei Alben. Aber über die menschlichen Defizite redet niemand mehr, davon will keiner mehr was wissen. Es ist nur wichtig, dass er die neuen Popstars macht, die dann drei Wochen funktionieren. Es ist wichtig, dass er möglichst oft Kandidaten beleidigt. Ein kurzes Aufjauchzen der primitiven Seele Deutschlands, wenn sie dann am nächsten Tag bei der Arbeit – sofern sie denn Arbeit haben – sagen können: „Haste gestern gesehen, wie er die kleine Püppi in dem rosa Kleid runtergemacht hat? Hahaha!“ Da ist kurze Bespaßung wichtiger als Norm- und Wertevermittlung, habe ich das Gefühl.

Zirkel: Das wird ja auch ganz clever gemacht. Jeder will heutzutage ein Star sein. Keiner findet sich damit ab, eine Lehre zu machen und einfach bis zum Rentenalter zu arbeiten. Jeder will ein Sänger oder Schauspieler werden, aber schafft sich natürlich keine Basis. Dementsprechend prägt ein Dieter Bohlen, der nur ein Symbol für diese ganze Medienlandschaft ist. Was es da nicht alles gibt…Topmodel und so. Aber die Leute sehen nicht die Arbeit dahinter. Die sehen das im Fernsehen und denken „Ach, ich muss da nur hingehen, ein bisschen lalala machen und alles wird gut“. Die ganze Selbsteinschätzung ist damit ja auch für den Arsch.

Hammer: Und für die ganzen Schlauberger, die jetzt sagen: „Ähhh, ihr wollt ja auch nicht Erzieher bleiben und wollt Stars werden“, denen sage ich jetzt ganz ehrlich: „Ja. Wir tun aber auch seit 9 Jahren etwas dafür.“ Wir wollen uns auch nicht zu Dieter Bohlen setzen.

Zirkel: Wir gehen Vollzeit arbeiten und machen die Musik nebenbei auf einem Level, wo andere Leute nicht mehr arbeiten gehen würden.  Ich weiß nicht, wann ich mir das letzte Mal Zeit genommen hab, um auf der Couch rumzusitzen. Ich mache das alles ja gerne, aber es ist auch sehr zeitaufwändig.


Auf dem Song „Herr Günther ausm Ersten“ habt ihr die Verbitterung von einem alten Mann gegenüber jüngeren Generationen dargestellt.

Hammer: Wobei wir da schon deutlich in eine Rolle schlüpfen. Seine Meinung ist nie im Leben unsere. Das ist ein überspitztes Bild von einem älteren Mann, wie man ihn hier vielleicht in der Gegend öfter vorfinden kann.


Abschließend würde ich gerne wissen: Wie seht ihr euch denn in seinem Alter?

Zirkel: (lacht) Ich wünsche mir eine große Familie. Zwei-drei Kinder, sechs Enkel oder Enkelinnen, damit man ein sehr schönes Familienleben hat. Ich glaube allerdings, dass das in der heutigen Zeit relativ schwierig ist. Ich hoffe nicht, dass ich so verbittert sein werde wie Herr Günther es ist, sondern dass ich ein wohlhabender Mensch sein werde. Nicht im finanziellen Sinne, sondern im Sinne von Liebe, Respekt, Freunden und Familie. Und vielleicht auch noch das nötige Kleingeld haben, um das ein oder andere schöne Land zu sehen.

Hammer: Kennst du das „Haus am See“ von Peter Fox?


Klar.

Hammer: Ich werde sein Nachbar sein. (lacht)


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(mh)


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