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Flexis: “Musik muss provokant sein”

30 Januar 2013

Flexis beim Frühstück

Foto: Detlef Honigstein


Seit dem 25. Januar 2013 ist “Egotrips” (hier bestellen) von Flexis erhältlich. MeinRap.de sprach mit dem Berliner über seine Anfänge, Doubletime, Zeigefinger-Rap, die Visualisierung seiner Musik und Größenwahn.


Wenn man deinen Namen googlet, findet man nicht so einfach etwas über deine Anfänge.

Hm.


Wenn man aber weiß, dass du zu einer Crew gehört hast, findet man dafür umso mehr.

Dann wird es aufschlussreicher. (grinst)


Erzähl doch mal ein bisschen von deinen Anfängen.

Das ist witzig. Diese Frage kommt jetzt irgendwie immer wieder. Also ich muss die jetzt anscheinend bei jedem Interview einmal beantworten, bis die Leute mich damit in Ruhe lassen. (lacht)


Es wurde uns ja keine Biografie von dir zugeschickt wie bei den meisten anderen Künstlern.

Ja, genau. Aber ich bin auch gegen sowas. Ich hasse Biografien. Die lesen sich unheimlich langweilig. Scheiß auf sowas! Also es gab mal eine Zeit lang eine Biografie, da steht auch ein bisschen was drin und so, aber ich weiß nicht, ob die noch online ist. Ich glaube nicht. Also ich habe mit 13 Jahren angefangen. Früher habe ich viel gemalt und bin so zum Graffiti in so einem Jugendclub gekommen. Den gibt es nicht mehr, der hieß damals “All”. Da konnte man sprühen, da gab es dann immer Dosen umsonst, einen Graffiti-Workshop – und eben auch Rap-Workshops in Cyphers und so. Da habe ich dann angefangen, mit einem SM 58 die ganze Zeit zu freestylen. Dadurch bin ich dann eben auch an viele Leute rangekommen und da hat sich dann auch die Flexiblez gegründet, denn dort habe ich dann auch den Jakob kennen gelernt, der damals der zweite Teil von Da Flexiblez war. So hat sich das halt durchgezogen. Dann habe ich in allen anderen möglichen Jugendclubs gefreestylet und gecyphert. Damals war das total gang und gäbe, dass man das überall machen konnte. So hat sich das alles entwickelt. Die hatten dann noch ein kleines Tonstudio, da konnte man seine ersten Tracks aufnehmen und seine ersten Tapes machen. So kam es, dass wir 2004 unsere erste EP rausgebracht haben. Dann haben wir ganz viele Tracks und Features gemacht. Dann kam ein Mixtape raus, “Booth- und Beattag”, das gab’s zum Free-Download mit 20 Tracks.


Das scheint inzwischen offline zu sein. Alle Links, die ich gefunden habe, waren tot.

Naja, die Leute haben es wahrscheinlich irgendwann runtergenommen. Keine Ahnung. Da müsste man wahrscheinlich in solchen Börsen nachgucken oder so. Ist ja auch schon ein paar Jahre her jetzt. Und dann haben wir 2009 halt “Maulhelden” rausgebracht und danach noch so ein kleines Projekt gehabt, das nannte sich “Knarz 4″, da haben wir als Flexiblez so eine Art Electro-Dubstep-Projekt gehabt, wo wir so ein Soundsystem hatten und so. Seit 2010 bin ich halt solo unterwegs und habe angefangen, mein Solo-Album zu machen. Das kommt jetzt halt raus.


Woher kommt diese Vorsilbe “Flex”? Die steckt ja sowohl in “Da Flexiblez” als auch in “Flexis”.

Naja, ich heiße halt Felix. Und Felix S. ist ja quasi schon Flexis, das ist ja eigentlich nur umgedreht. Mich haben immer alle “Flex” genannt. Das war irgendwie Standard. Und Anfang der 2000er gab es noch nicht so viel Doubletime-Rap und geflexte Sachen einfach. Phylo und ich haben einfach damals schon einen Faible gehabt für diese schnell gerappten Sachen. Fürs Flexen halt. Das war unser Ding. Wenn du Leute wie DeineLtan fragst, werden die dir sagen, die Leute, die mit als erstes in Berlin geflext haben, waren wir. Es gab noch eine Handvoll andere Patienten, die damals schon so freaky drauf waren. Daher kommt dieses “Flex”. Flexiblez, Flexis … das hat sich einfach so entwickelt mit der Zeit. Das ist halt mein Name und ich wollte den auch nicht wieder abschaffen. Das ist so ein bisschen wie bei Dynamite Deluxe und Samy Deluxe. So ähnlich ist es von der Namensgebung her, dass meine Crew damals so hieß.


Was waren denn deine Einflüsse damals? Man rappt ja nicht aus heiterem Himmel doppelt so schnell.

Wir haben damals einfach schon voll viele Ami-Sachen gehört, wo Leute geflext haben. Wir haben extrem viel Bone Thugs-N-Harmony gehört, wir haben viel Twista gehört, wir haben viel Tech N9ne gehört. Das sind so die Einflüsse gewesen, die uns viel geprägt haben. Wir fanden es halt langweilig damals! Damals war es so dieses gerade gerappte Ding. Auch als die ganzen Leute angefangen haben, diesen Dipset-Kram zu biten und zu kopieren und XXXXXXXL-Shirts zu tragen und wie Cam’Ron zu rappen. Das fanden wir grauenhaft! Wir wollten da halt etwas entgegen setzen. Wir wollten viele Reime, wir wollten schnelle Flows, wir wollten melodiöse Sachen. Was natürlich auch ein großer Einfluss war, war Saian Supa Crew. Das war die beste Live-Crew, die es meiner Meinung nach gab. Die haben einfach krasse Flows gehabt und wenn du die live gesehen hast, hat die ganze Masse gejubelt. Das war einfach geil, uns hat das einfach gefallen. Wir wollten uns damit einfach ein bisschen abheben und das war unser eigener Geschmack.


Interessiert dich diese Doubletime-Sache heute noch?

Nicht mehr so. Man hör das auch auf meinem Album. Ich habe da jetzt keinen Track, wo ich mal so richtig durchratter. Könnte ich machen, aber im Endeffekt steht dann schon die Musik im Vordergrund. Ich wechsele im Moment viel zwischen geraden und geflippten Zeilen. Ich bau das halt immer so, wie ich Bock habe. Wenn ich Bock habe, das Tempo anzuheben, dann mache ich das, aber ich will halt auch immer, dass es verständlich bleibt. Ich will, dass man die Sachen versteht. Dass man die Zeile, wenn sie schnell eingerappt ist, hören kann und dann trotzdem sofort gepeilt hat. Viele Doubletime-Sachen sind so erheblich schnell, dass du es gar nicht mehr raffst. Das ist dann einfach nur noch schnell. Das will ich aber nicht. Ich will schon, dass der Inhalt immer noch im Vordergrund steht. Ich habe mir aber neulich überlegt, es wäre mal wieder an der Zeit, wieder so ein Brett zu machen. So ein richtiges Doubletime-Brett! Aber mir geht es im Moment eigentlich gar nicht mehr darum, so richtig krass schnell zu rappen. Ich kann es mir nicht abgewöhnen, das ist so mein Stil, aber ich möchte halt irgendwie, dass die Musik in erster Linie gut ist und im Vordergrund steht. Viele von diesen Doubletime-Sachen zerstören so ein bisschen die Musikalität.


Aber du bist schon der Meinung, dass du noch mit dem Status Quo mithalten könntest?

Ohne Probleme. Klar, natürlich. Also wenn du dir so einen Part anhörst wie auf “Todes-To-Do-Liste” mit Chefket und Amewu, da sind teilweise auch schon relativ schnelle Sachen dabei. Außer ein paar Rappern, die im schnellen Rappen gut sind, gibt es ja auch gar nicht so viele, die das noch machen. Aber klar, ich denke, ich kann da locker mithalten.


Bezieht sich diese Technikfixiertheit nur auf die Flows oder auch auf Reimsilben?

Das ist bei mir alles sehr instinktiv geworden. Früher habe ich viele solcher Spielereien gemacht. Sätze gespiegelt, auf die Silbenanzahl geachtet und so. Aber irgendwann geht das in Fleisch und Blut über. Du hast dann Reime, Aussage, Flow, Beat – alles in einem Kopf. Das kommt einfach raus dann. Du schreibst einfach und hast es sozusagen schon intus. Das ist wie bei Fußballspielern. So ein Lionel Messi überlegt sich jetzt auch nicht, welchen Trick er macht. Er macht den einfach! Weißt du, was ich meine? Er geht einfach in der Situation an dem Gegner vorbei mit der und der Technik. Genau so schreibe ich meine Texte. Es fließt einfach raus. Aber ich bin natürlich schon jemand, der sehr darauf achtet, irgendwie ästhetische Wörter zu benutzen, gute Reime zu benutzen. Was ich nicht mag, sind so Standard-Reime. Ich will dann auch viele umarmende Reime, solche Sandwich-Reime machen, so dass sich dann in der Mitte zwei Sachen reimen und am Anfang und am Ende. Auf sowas achte ich viel. Ich bin da schon sehr affin. Aber für mich ist, wie gesagt, immer wichtig, dass die Aussage im Vordergrund steht. Dass du ab und zu mal so ein geflextes Ding machst mit ein paar Punchlines und so – cool, aber vordergründig geht es mir darum, Thementracks zu machen, wo die Leute sich identifizieren können. Und da steht die Technik hinten an. Das gefällt mir bei vielen technikaffinen Rappern nicht so sehr. Weil man da halt hört: Okay, du hast nur ein paar Reime aufgeschrieben, die zusammengepuzzlet und das runtergeflext. Es ist zwar krass gerappt, aber eigentlich sagst du in 20 Zeilen gar nichts! Nichtmal im Battle-Rap. Du hast nichtmal eine Aussage da, wo ich sage, okay, das ist ein Statement. Das finde ich bei vielen Leuten langweilig. Immer nur doppeldeutige Punchlines 40 Tracks lang zu machen ist mir halt zu blöd und zu langweilig. Deshalb ist es so, dass ich viele Thementracks mache.


Kann es sein, dass dein Beatgeschmack diese Technikfixiertheit gewissermaßen herausgefordert hat?

Ja.


Wenn man auf elektronische Musik steht, ist das ja alles meist schonmal viel schneller.

Jaja, klar. Und dieser Boom-Bap – ich fand das immer ultralangweilig! Ich habe das nie verstanden! Ich war halt immer der 16-Jährige, der gesagt hat: “Warum hörst du Gang Starr?” Ey sorry, das ist schöne Musik, aber da penn ich bei weg. Das kann ich mir nicht geben, Alter!  Also jetzt mit dem Alter werde ich da offener. Ab und zu mal Sample-Beats oder ein langsam gerappter Song – wenn er gut und anspruchsvoll ist – geil. Aber anfänglich, so zwischen 17 und 23, da konntest du mich damit jagen. Ich fand das grottenlangweilig. Ganz schlimm, wie Leute immer so ganz normale Satzstrukturen und so ganz einfach gerappte Texte da runterspulen. Für mich war das nie was. Ich war immer eher der Typ, der so auf schnelle Raps und schnelle Beats stand. Man kann aber auch auf einem ganz langsamen Beat interessant rappen. Also ich weiß nicht, ob jetzt die Beatauswahl vordergründig damit zu tun hat, aber schon ein bisschen. Ich bin auch sehr wählerisch, was Beats betrifft.


Du hast ja auch schon mit Leuten zusammengearbeitet, die auf Sample-Beats rappen, aber dennoch sehr komplexe Flows haben. Ich denke da zum Beispiel an Morlockk und Hiob.

Mit denen ich früher Musik gemacht habe, ja. Also von denen hat jetzt keiner Beats für mein Album gemacht. Ich mag auch sample-basierte Beats, aber bei mir ist immer die Sache, dass ich will, dass mich das kickt und bewegt und dass ich den Beat höre und es einfach abgeht. Ich bin nie ein großartiger MF-Doom-Fan gewesen oder so. Zeckt mich nicht. Ich muss den Beat hören und der muss meinen Arsch bewegen. Es sei denn, ich habe Bock, einen ruhigen Song zu machen, dann ist auch mal ein ruhiger Beat schön wie bei “Routine”, was ja auch ein sehr ruhiger Beat ist und ich ja auch relativ langsam rappe. Sowas wie “Bauchgefühl” oder sowas.


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