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Deutschrap zwischen Herzschmerz und Brecheisen

1 Mai 2013

Der Widerspenstigen Zähmung


Spätestens im Jahr 2013 ist es klar: Deutscher Straßenrap hat in den letzten Jahren einen Wandel durchgemacht. Die Entwicklung gleicht einer 180-Grad-Wende, vom Wettbewerb um die gefährlichsten Waffen und brutalsten Drohungen hin zu sentimentalen Gedankengängen und Mitleid erregenden Erzählungen. MeinRap.de hat sich auf Suche nach den Wurzeln des Trends begeben.


Nachdenkliche Töne auf vermeintlichen Straßen- oder Gangstarap-Alben sind im Jahr 2013 natürlich nichts Neues mehr. Schon auf Bushidos Demotape befand sich mit “Schlangen” ein Track über falsche Freunde, auf “King of Kingz” befasst er sich auf “Sternenstaub” mit der Vergänglichkeit der Welt. Auch die nachfolgenden Werke, inzwischen zweifelsfreie Klassiker, kamen nie ganz ohne deepe Tracks aus. Das Neue ist demnach nicht die bloße Existenz solcher Tracks. Neu sind in diesem Kontext vielmehr zweierlei Dinge: Die Menge und der Umgang damit.


Wagen wir zunächst erneut einen Rückblick. Die erste Videoauskopplung aus Bushidos “Vom Bordstein bis zur Skyline“ hörte auf den Titel “Bei Nacht” und bestach durch bedrohlich dröhnende Bässe und eine entsprechende visuelle Umsetzung. “Mein Block” von Damals-noch-Labelkollege Sido konzentrierte sich zwar sprachlich eher aufs Beschreiben denn aufs Drohen und lockerte die Atmosphäre durch eine gewisse Selbstironie auf, doch das Entscheidende hierbei war letztendlich der Schockeffekt, der die Aufmerksamkeit eines ganzen Landes kurzzeitig auf Berlin lenkte. Auch Kollege Fler setzte mit NDW 2005″ von Anfang an auf Pauken und Trompeten statt auf Geige und Klavier. Man wollte schließlich “Welle” machen. Der Name Aggro war eben nicht nur ein Name.


Der erste Eindruck zählt


Auch andernorts sorgte Rap vordergründig eher durch die geballte Faust statt durch poetische Denkanstöße für Kopfzerbrechen. Die Rödelheimer Hartreimer schickten Reime “in deinen Arsch, dummer Junge”, Azad schwamm mit Napalm im Gepäck gegen den Strom und Tone kam mit Konkret Finn und “Ich diss dich um die Ecke. Als Deutschrap-Hörer der ersten Stunde mag man nun einwenden, dass “Leben” nach wie vor als eine der Sternstunden in Sachen Deepness gilt – womit man natürlich auch Recht hätte. Doch genau das scheint das Dilemma zu sein. Auch Moses Pelham und Tone sind alles andere als Dilettanten, wenn es darum geht, reflektierte Lyrics zu schreiben, die zum Nachdenken anregen und Emotionen erzeugen. Doch um das zu erfahren, hätte man eben die dazugehörigen Alben kaufen oder auf die zweite oder dritte Single warten müssen. Die deepe Seite der Platte wurde durch die erste Singleauskopplung nur in äußerst seltenen Fällen repräsentiert – und ist der erste Eindruck erst einmal entstanden, so ist die entsprechende Schublade schnell gefunden und hält ihren Inhalt meist auf ewig gefangen.


Natürlich kann man im Nachhinein Songs auskoppeln, die in eine gänzlich andere Richtung gehen, um seine Vielfältigkeit zu demonstrieren. Fler brachte dem Hörer auf “Nach eigenen Regeln” gemeinsam mit G-Hot die Gesetze seiner Hood näher, Sido dankte seiner Mutter und Bushido koppelte aus seinem zweiten Album einen Song mit Cassandra Steen als dritte Single aus. Doch die Schublade blieb. In den Köpfen blieben sie die Straßen-, Gangsta-, Rüpel- oder Prollrapper, die bestehende Definition wurde lediglich durch ein kleines Anhängsel im Denkapparat ergänzt: Der kann ja auch lieb sein, wenn er will. Doch niemand wurde nachträglich der nachdenkliche Typ, der auch mal die Fresse aufmacht. Alle blieben die Großmäuler, die auch mal nachdenklich sind – vielleicht mit Ausnahme von Moses.


Azad zeigte sich in einem JUICE-Interview missverstanden von den Hörern: “Ich mache doch seit Tag eins schon deepe Songs. Nur sieht man das halt nicht so, also klebt man mir ein Etikett auf und steckt mich in eine bestimmte Schublade: Oh, der Typ ist ein Asi, er ist von der Straße und macht ausschließlich Straßenrap. [...] Ich habe doch schon seit ‘Napalm’ solche Musik gemacht [...]. Aber das sehen die Leute einfach, weil das Laute und das Harte das etwas Leise überdeckt. Deshalb stecke ich in dieser Schublade fest.” (Juice #129)


Wie man den Rapper wahrnahm, so erwartete man auch die dazugehörigen Alben, was ja zumeist auch nicht sonderlich falsch war. Zu 80-90 Prozent wurde auf die Kacke gehauen, in den restlichen 10-20 Prozent widmete man sich dann tiefergehenden Themen – ein Konzept, das seinerzeit zur Standardformel für Streetrap-Alben avancierte. Es hatte zeitweise sogar den Anschein, als sei der obligatorische deepe Track eine Art Pflichtprogramm, aus dem lediglich der tiefste Berliner Untergrund auszubrechen vermochte. Der Rest der Rapublik dankte zwar Homies und Familie, berappte die holde Weiblichkeit und gedachte verstorbenen Freunden – platzierte die entstandenen Tracks dann aber recht unsensibel zwischen einem Haufen Muttergef*cke und Gunshots.


Weiter auf Seite 2: Die Deepness im Vordergrund.


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