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Prezident & Dubios – Colonoel Kurtz EP (Review)

24 August 2013

Prezident & Dubios - Colonel Kurtz EP (Cover)


Auf Prezident ist Verlass. Der Wuppertaler weiß, in welchen Sphären sich ein Produkt bewegen muss, das sich “Album” schimpft. “Neueste Erkenntnisse vom absteigenden Ast” von 2010 etwa bestach durch reinigenden Dreck, Gedankenschwere und einen perfekten Mix aus Konzeptrap und – eben Rap. Und schon vor “Kunst ist eine besitzergreifende Geliebte”, welches im September erscheinen soll, ist Prezident schon längst wieder Herr seines Elements: “Menschenpyramiden” war ein monströser audiovisueller Vorbote. Deshalb tue man die jüngst erschienene “Colonoel Kurtz”-EP mal als Abzweigung aus einer hochproduktiven Phase ab, in der sich Prezident in beinahe John-Bello-Bootcamp-Manier vermehrt über alles herabließ, was versehentlich ein paar aufgewirbelte Krümel inhalierte und nun den ganzen Kuchen im Rap-Game für sich beansprucht.


Im Gegensatz zur “… Und immer noch nicht nach Berlin gezogen”-EP – das bedrückende “Anladim” – zeichnet sich Produzent Dubios bei der “Colonoel Kurtz”-EP durchgängig für den Klangteppich verantwortlich und repräsentiert einen klassischen bis charakteristisch-knochentrockenen “Vier Fäuste”-Sound. Angesichts der ohnehin stickigen Luft da draußen eigentlich gewagt. Dennoch heben sich die stimmigen und detailverliebten Kopfnicker-Produktionen klar voneinander ab und dürften Dubios zurecht einen Platz bei den Most Underrated bescheren.


Wie ein Mini-Mixtape daherkommend, lädt Prezi nach dem düsteren “September”-Intro zum verbalen Kräftemessen. Bei simplen, doch bestechenden Wortplastiken wie “Die Visage eine Gipsmaske” oder “Staub liegt auf der Skip-Taste” ein hartes Stück Brot, aber Gastdozent Illoyal drischt dem imaginären Whack-MC auf “Nougat” ebenso genitale wie geniale Zeilen ins Gesicht. “Ist es mein Penis oder Mythen, die sich um mich ranken? Du willst in den Aufzug fliehen, doch meine Erektion versperrt die Lichtschranken.” Die Jungs hatten Spaß, und danach klingt’s auch.


Mit “ruiniertem besten Hemd” wird sich anschließend niedergelassen und trinkend der Grund für den nächsten Schluck herbeiphilosophiert.Denn “es ist kein schönes Gefühl, zu erkenn’, dass der Mensch, den man bracht, einen selbst nicht so braucht, wie man denkt…” Whiskeyrap in destillierter Form, in Selbstmitleid und Einsamkeit suhlend – und im zweiten Teil von “Trotzdem” ironisch bis sarkastisch Misstrauen gegen die ganze Welt forcierend. Dubios’ horroresker musikalischer Beitrag im zweiten Verse passt wie Arsch auf Eimer.


“Laut gedacht” mit dem Dortmunder Elsta lässt das Verlangen aufkommen, gleich ein ganzes Projekt von dieser Top-Kollabo auf Dauerschleife zu hören. Etwas an coru von der Frank Castle Cooking Gang erinnernd, fließt der SBKler gar symbiotisch über den fesselschellenden Kerkerbeat und überzeugt mit immenser Stilistik, Assonanzen und Alliterationen jonglierend, dass es dem prezidentschen “Stendhal Effekt” nahekommt: “Wir sind Tagediebe, die den Dingen, die in der Magengegend liegen, nochmal eben ihren Namen geben.” Prezident rundet die Atmosphäre mit seinen zementgleichen Erkenntnissen ab: “Mal ehrlich, es kam die Zeit, da bemerkt’ ich, je mehr ich weiß, wovon ich rede, desto schweigsamer werd’ ich – wie von selbst.”


Mit dem EP-titelgebenden “Colonoel Kurtz” verpasst Prezident der hiesigen Hip-Hop-Szene abschließend noch eine Schelle, um die keiner ohne ein verlegenes Lächeln herumkommt: “Fans beziehen Alben über fettrap, Rapper kriegen Beats für ihre Tracks über SoundCloud, von SoundCloud-Producern aus ‘nem Reason, das gecracked ist. Und alle sind auf Hartz.” Schuldig! Rundum also eine sehr gelungene EP, auf der Prezident, ohne sich von seinem Kern zu entfernen, die Gewichtung auf offenere Tracks gelegt hat. Durch Dubios’ umsichtige Zuarbeit zudem auch interessant für Noch-nicht-Sympathisanten, eben durch die klassischen Kopfnicker. Dieser talentierte Mr. Promostunt…


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(tb)


Prezident – Kunst ist eine besitzergreifende Geliebte (Cover)