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Private Paul – Schwarzweissrot (Review)

17 Januar 2014

Private Paul - Schwarzweißrot (Cover)


Die Videoauskopplung “Ein Schluck Mut” vom letzten Release “S.U.F.F.” gehört definitiv zu den eher unrepräsentativen Songs von Private Paul aka. KASH, aber der Namenswechsel von “Emopunkrap 2″ zu “SCHWARZWEISSROT” konnte dann durchaus den ein oder anderen Verdacht auf einsichtige Weichspülung zulassen. Hat Private Paul eingesehen, dass sich Schmerz und Hass nicht unter spendables Hedonistenvolk mischen lassen? Ist ihm seine einschlägige Anhängerschaft zugunsten des Profits egal geworden? Das Snippet und das erste Video zu “Frei” haben mit derlei Diskussionen rechtzeitig aufgeräumt. “SCHWARZWEISSROT” ist noch mehr “Emopunkrap” als der inoffizielle Vorgänger. Noch kompromissloser, noch brutaler – und wie.


Selbst Gelegenheitshörer von Private Paul werden um einen fetten Kloß im Hals und wonnige Ratlosigkeit, die “SCHWARZWEISSROT” hinterlässt, nicht herumkommen. Kaum eine Spur vom “Hoes versohlenden Punker” aka. KASH auf “S.U.F.F.”, ja nicht einmal die relativierende Ironie und Wut vom Klassiker “Emopunkrap” sind prominent. Private Paul hat den Humor auf dem Weg zum selbstgebastelten Galgen gänzlich verloren. Und wenn selbst die Wut sich bettet und der konfrontative Hass lediglich zum Statisten verkommt, dann ist da nur noch die Gleichgültigkeit, die einen angesichts der weitläufigen Leere keinen Fluchtpunkt gewährt und die Existenz an sich emotionslos geißelt.


Sprich kaum noch Staub und Schmutz auf die Ohren, der synthetische Krach und Schrammelei wurden sehr dosiert. “SCHWARZWEISSROT” ist ein Sog temperierter Saitenklänge, eine Wiege, die authentischerweise monoton taktiert. Die um sich selbst drehenden Aussagen des ausgerotzten Emopunkrappers werden in einfachster Reim- und Rap-Technik aneinandergereiht. Ist ja eh schon alles gesagt worden. Private Paul kommuniziert seine verfahren-intensive Gefühlswelt dem Hörer auch nicht mehr direkt. “SCHWARZWEISSROT” sind 18 Perspektiven über die erkaltete Schulter eines Weltverlassenen. Verzweifelte Schreie und Versuche, hier “Raus” zu wollen, haben sich rar gemacht und werden von erschreckend ruhigen Tracks zahlenmäßig übermannt. Ein soundtechnisch üppiges Finale erwartet die Fans von “Emopunkrap” , wenn es schon rein gar nichts zu lachen gibt, aber dann doch noch, keine Panik.


In den etwas mehr als drei Jahren zwischen dem Erstling und dessen unehelichem Kind hat sich Private Paul keineswegs selbstentfremdet. Eher klingt die Platte viel reduzierter auf seinen Kern, aus dem Menschenhasser mit einem lachenden und einem weinenden Auge ist sein innerer Zyklop geworden. Das Klangbild aus Gitarren, Streichern, Chören und luftigen Bass-Drum-Snare-Spuren hat viel Synthetik und Tempo hinter sich gelassen. 60 Minuten Spielzeit können deshalb zu einer echten Durststrecke werden, viel Geduld und Blick für die Details aber vielleicht zu einem Gesamtverständnis für Private Pauls künstlerischen Tunnelblick verhelfen. Zumal aus relativ wenigen Mitteln unheimlich viel Charakter und Kontrast herausgeholt wurde – und morbiderweise sogar ohrwurmartige Gesangshooks, zum Beispiel die von “Suicide Girl”,  nicht fehlen.


Die Aufgabe des unbedingt geduldigen Hörers ist es, hinter die inhaltlich eintönige Fassade eines eher unrappigen Ein-Mann-Albums zu steigen. Dem Protagonisten in der großartigen ‘Endzeit’-Metapher “Bombe” zuvorzukommen und eine gewisse Hemmung – oder schlicht den Pessimismus abzulegen. Und dann entfaltet sich selbst ein zutiefst trostloses Werk wie “SCHWARZWEISSROT” zu einem Dankbarkeitsgefühl auf Knopfdruck. Wie gut sich nämlich Liebe und Zusammensein, Menschsein, mal sehr küchenpsychologisch gesprochen, anfühlen können, weiß man wieder nach einer Rotation dieses unstrittigen Meisterwerks. Schwermut, Lethargie und die hier einfach passende Monotonie haben vielleicht seit Tuas “Grau” weder akustisch noch zwischen den Zeilen so bewegend und facettenreich geklungen. Ein hochgradig authentisches Kunstobjekt.


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(tb)


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Mein Rap #88: Private Paul