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Tua – Stevia (Review)

20 April 2014

Tua - Stevia (Cover)


Der Kollege Dillmann vom splash! Mag konstatierte neulich, dass das Phänomen Tua nicht einzufangen sei, „von keinem Magazin, von keinem Schreiberling“. Dass Tua praktisch qua Tradition nicht in ein paar Sätzen erklärt und abgehandelt werden kann, dürfte allgemeiner Konsens sein. Dass Tua aber womöglich für immer dazu verdammt sein soll, im „Niemandsland“ stattzufinden, bleibt nicht zu hoffen. Ein Versuch also, Tua der Welt ein Stückchen näher zu bringen.


„Die Musik so weich es geht“ säuselt ein auf den ersten Blick ausgeglichener Tua zum trappigen Beat von „Stevia“, dem Opener der EP, dem geneigten Hörer ins Ohr. Ausgeglichenheit war bis dato ein nicht ganz so weit verbreitetes Gefühl im Schaffen Tuas, exemplarisch seien hier Stücke wie „Raus“ oder „Es Regnet“ angeführt. Was sich aber so weich und kuschelig in die Gehirnwindungen legt und 32 Minuten lang so tut, als wäre es Easy Listening, ist in Wirklichkeit so uneasy, wie man es vom musikalisch wohl versiertesten Viertel der Orsons gewohnt ist. Denn wo Instrumentierungen weicher geworden sind, ist das Songwriting um ein paar Tacken offener und kryptischer geworden.


„Wie eine gute Idee
Eroberst du mich passiv
Bis nur noch du gehst
Klingst wie ein Schlaflied
Klingst wie ein Abschied
Und stehst wie am Grab, nur du…
Du mein selbst gewähltes Exil, befiehlst mir viel zu viel, zu viel
Du mein selbst gewähltes Exil, lass mich wieder gehen…“


Einen roten Faden, der in diesem Fall eher silbrig immer mal wieder auftaucht, gibt es aber dennoch. Es ist beispielsweise immer wieder die Rede von Hotels und verlassenen Straßen. Marc Augé, seines Zeichens Sozialtheoretiker, hat für solche Plätze die schöne Bezeichnung Nicht-Orte gefunden: Orte, zu denen niemand eine wirklich persönliche Bindung hat, Orte, die irgendwie dazwischen sind. Und genau so, wie sich die Schauplätze Stevias zwischen Vertrautheit und Fremdheit befinden, verhält es sich auch mit dem Sound der EP. Während „Werbemädchen“ mit einer poppigen Ohrwurm-Hook daherkommt, könnte man in „Keiner Sonst“ mitten in einem sonst ruhigen Beat ein bedrohliches Wellblech vermuten. Zu den mittlerweile vertrauten Versatzteilen Trap und Dubstep gesellen sich 2014 sogar Jazz-Anleihen – und das alles fügt sich zusammen zu einem runden, wunderbaren Ganzen.


Kann also „Stevia“ in Anlehnung an den Begriff des Nicht-Ortes als Nicht-Musik gefasst werden? Im Sinne Augés vermutlich schon, da die EP irgendetwas ist, das uns überrascht, gleichzeitig vertraut und fremd ist. Im popkulturellen Sinne jedoch nicht. Denn auch wenn Tuas Songwriting im ersten Moment sperrig wirkt und sein Sound definitiv nicht zu klassifizieren ist, so schafft er genau durch diese Kriterien etwas wirklich Innovatives. Und worum sonst geht es in der Musik?


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Text: Alina Klöpper


Tua – Pygmalion (Video)