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Fard & Snaga – Talion 2: La Rabia (Review)

30 Juni 2014

Fard & Snaga - Talion 2 (Cover)


„Talion“ bedeutet so viel wie „Vergeltung“ und „La Rabia“ ist Spanisch für „Zorn“. Es dürfte also mehr als klar sein, dass dem Hörer auf Fards und Snagas „Talion 2: La Rabia“ aus dem Hause Ruhrpott Illegal viel Emotion im Allgemeinen und noch viel mehr Wut im Speziellen entgegenschlagen wird. Wie einerseits vielschichtig und andererseits doch undifferenziert dieses Leitthema verarbeitet werden kann, offenbart sich jedoch erst nach eingehender Betrachtung.


Eingeläutet wird dieses Massaker von Album mit „Contraband“, das schon im Vorhinein polarisierte und für viel Aufregung sorgte. Doch auch wenn man den Track ganz unaufgeregt und mit möglichst viel Abstand von allen Seiten durchleuchtet: einfach nichts daran ergibt Sinn. Ja, natürlich, es geht um Provokation und Promo, geschenkt. Der Hörer erwartet doch trotzdem von einem Künstler, dass er bitteschön ein wenigstens ansatzweise nachvollziehbares Songwriting betreibt, zu dem sich Anknüpfungspunkte finden lassen. Wer sich selbst als „Pro Mahatma Ghandi, Martin Luther King, Che Guevara“ versteht, steht nicht im nächsten Moment auf und übt sich in Drohgebärden wie „Das Gesocks regiert die Nacht / Eure Welt ist Schall und Rauch / gib mir alles, was du hast“. Auch der aggressive Beat und besonders Fards fast schon geschriener Part machen keinen besonders friedlichen Eindruck.


Dabei ist den beiden Rappern ihr bemerkenswertes Gerechtigkeitsgespür auf allen 15 Tracks anzumerken. So findet man immer wieder, auch in besagtem „Contraband“, Positionen, die durchaus sinnvoll oder zumindest diskutierenswert sind. Wenn Fard „Was soll das heißen: ‘Wenn’s dir hier nicht passt, verpiss’ dich’? / Sarrazin und H*rensöhne stehen hier im Blitzlicht“ rappt und Snaga meint: „Weil ich nicht glaub, dass dein Vater Staat mich so liebt / Weil ich nicht will, dass er mich überwacht und bestiehlt“, dann sind das zunächst einmal vertretbare Standpunkte. Man merkt, dass die Ruhrpottler gute Beobachter sind, sie erkennen Probleme und suchen nach Erklärungen.


Das größte Problem von „Talion 2“ ist, dass diese Erklärungen zu oft zu simpel sind. Immer wieder bewegen sich die Songs deutlich Richtung Stammtisch. Statt dem Vorschlag sich mit Menschen zusammenzutun, zu diskutieren und auf Lösungen hinzuarbeiten, wird eine stumpfe Ideologie von „wir hier unten gegen die da oben“ vermittelt.


„Also fessel ich den H*rensohn an das Heizungsrohr/

Die Beute in den Rucksack gepackt/

Sitzt, passt, wackelt und hat Luft, hat gut geklappt/

Fühl mich wie der King – keine Bullen, kein Alarm/

Und auf einmal steht da ein Kind mit Teddybär im Arm/“


Obwohl es immer wieder solcherlei kritische Überlegungen zu Gewalt zu hören gibt, bleibt sie der einzig angesprochene Lösungsweg. Ob es sinnvoll ist, auf alles, was einen enttäuscht und wütend macht, blindlings einzuschlagen und sich im Endeffekt von ihm abzuwenden, ist zu bezweifeln.


Das Album baut relativ überraschungsfrei auf Klänge, die man spontan mit den Worten „Street-Album“ oder „dichte Atmosphäre“ assoziiert. Es gibt einerseits dramatisch bis bedrohliche Beats zu hören („Was soll das heißen???“), wozu relativ viele ruhige Beats mit Klavierunterstützung („Du hast Recht 2“) einen Ausgleich schaffen. Das funktioniert zwar als Unterbau für die Lyrics meist gut, klebt aber an Klischees fest und wirkt nicht besonders kreativ.


„Talion 2: La Rabia“ ist der dringende Wunsch nach Veränderungen in allen möglichen Belangen anzumerken, doch trotz immer wieder aufblitzender Selbstreflexion bleiben die Tracks in den meisten Fällen bei einem simplen Schwarz-Weiß-Schema stehen. Snaga und Fard machen keinerlei Anstalten sich zu fragen, was der wirklich konkrete Grund für Ungerechtigkeit sein könnte und wer außer den teuflischen Politikern und Bonzen daran beteiligt sein könnte, bestimmte Verhältnisse aufrecht zu erhalten.


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Text: Alina Klöpper


Snaga & Fard platzieren “Talion 2″ in den Top 5