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Degenhardt – Harmonie H*rensohn 3 (Review)

25 Juli 2014

Degenhardt - Harmonie H*rensohn 3 (Review)


Zu besoffen sein, um zu merken, dass in dem Bier, das du gerade trinkst, drei Kippenstummel schwimmen. Neben fremden Menschen in der Bahn unkontrolliert anfangen zu schluchzen. Beim Sex hart zuschlagen und gleichzeitig ehrliche Zuneigung vermissen. Das alles sind Hobbys, zu denen Degenhardts „Harmonie H*rensohn 3“ den perfekten Soundtrack darstellt. Willkommen im Sumpf.


„Wieder wird es dunkel in den Kinderzimmern /

Wieder Mitternacht für immer /

Wieder kleine Lichter, wieder viel zu bunte und komische Träume“


So leitet Degenhardt sein Album nach einem selbstdenunziantischen Intro ein. Wie er in seinem stumpf-gelangweilten Tonfall zu verstehen gibt, liegt über seinem ganz eigenen, abgedrehten Kosmos immer ein bedrohlicher Schatten, ab und zu tauchen aber giftig-neonfarbene Blumen auf. Denn neben allgemeiner Düsternis geht es um nichts Geringeres als Liebe. Die ist in Degenhardts Welt zwar erstrebenswert, kommt aber meist zerstörerisch und oft in Form von Perversion daher. Durch seinen immer wiederkehren Kunstgriff, Alltägliches mit Anstößigem zu kontrastieren, wirft Degenhardt auf „Harmonie H*rensohn 3“ die Frage auf, was in einer sich selbst entfremdeten Welt überhaupt als Perversion verstanden werden kann.


„Super Marios Prinzessin hat ‘ne Vagina und ein Arschloch /

ich seh beides glänzen, rosa Plastik, Disney Sodomie /

ich trau mich nicht, doch mach es immer wieder /

ich bin der Alptraum von dem geilsten, feuchten Traum /

doch ich bin nicht so wie sie“


Antworten auf seine verworrenen und schlauen Fragen gibt er hingegen niemals. In dem gut eine Stunde währenden Bewusstseinsstrom von Degenhardts Lyrics ist alles kryptisch und nichts stringent. Sofern der Hörer sich auf diese zunächst abstoßenden Texte einlässt, findet er an allen Ecken hübsche Bilder und popkulturelle Querverweise en masse. Ob Dexter, Ton Steine Scherben oder Flogging Molly, sie alle werden in Kleinstteile zerhackt und danach frankensteinartig wieder zusammengeschustert.


Ganz nach diesem Verfahren ist „Harmonie H*rensohn 3“ von bemerkenswerten Samples durchzogen. Mal beschwört Neil Young, dass Rock’n’Roll nie sterben wird („Lovers Weepers“), ein andermal haucht einem eine liebeskummergeplagte Maria Mena ins Ohr („Nackt mit einem Bier“), und jedes Mal ergeben sie in grotesker Kombination mit Degenhardts passiv-aggressivem Flow ein stimmiges Irgendwas.


Außergewöhnlich sind außerdem die Tracks, in denen Degenhardt sich überhaupt keinem Thema mehr widmet, sondern sich ganz und gar in sich selbst verliert. Auf einem flüsternden, wabernden Beat kommen die fatalistischen Lyrics von „Schlafzimmer“ einfach nur großartig:


„Ich war drei Schritte im Paradies aus Neonlicht und nichts /

doch ich will Arsch, Seele und Facebook-Account nicht verkaufen /

zieh vor Stress und Mensch, Menschenstress, noch immer den Schwanz ein /

fühl mich immer noch, als hätt‘ ich mich verlaufen“


Man kann beim besten Willen nicht behaupten, dass „Harmonie H*rensohn 3“ ein positives Stück Musik wäre. Negativ ist es trotz der vielen Düsternis und Zerstörung aber auch nicht. Degenhardt ergründet und illustriert das Chaos der Welt und seine eigene Destruktion beinah fühlbar. Und trotzdem reißt das Album den Hörer mit seinen Lyrics, die permanent durch Abgründe schwirren, und seinen teilweise hypnotischen Beats nicht in schlechte Laune und Mordgedanken, sondern funktioniert als einstündige Mini-Therapie. Kaputte Musik für kaputte Menschen, das wäre vielleicht ein guter Werbeslogan für dieses durchgedrehte Album.


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Text: Alina Klöpper


Degenhardt – ArbeitenBetenTrinkenTräumen (Video)