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eRRdeKa – Paradies (Review)

19 November 2014

eRRdeKa - Paradies (Cover)


Braucht man als Rapper noch irgendwas, wenn man schon am Anfang seiner Karriere das JUICE-Cover hat? Ja, wenn dieses Cover nur dank der Entourage entstanden ist, wie im Falle von eRRdeKa: ein Album beispielsweise. Dank seines Signings bei Pis Hauslabel „Keine Liebe“ letztes Jahr, sind die Erwartungen an dieses vielerorts relativ hoch.


„Paradies“ reiht sich auf den ersten Blick ganz wunderbar ein in die mittlerweile recht lange Reihe von Platten, die sich um die Probleme von Twenty-Somethings in der Großstadt im weitesten Sinne drehen – Selbstfindung, Liebeskummer, Melancholie. Bei näherer Betrachtung schafft es eRRdeKa jedoch, sich durch seinen teils verzweifelten Vortrag und eine vielschichtige Gedankenwelt von der Masse abzuheben. Allein das Intro „Stroboskop“ zeigt, dass der Augsburger ein guter Songwriter ist, der mit wenigen Worten Stimmungen heraufbeschwören kann, nur um sie im nächsten Moment zu brechen:


„Mir geht es gut, alles perfekt /

Das Essen schmeckt, Arzt und Helferin sind nett /

Lieg auf dem Bett, denke stundenlang nach /

Lass die Stimmen verstummen, die mich verschlungen im Schlaf /

Paar Sekunden danach: Tablettengeschmack /

Nichts neues für ein von der Welt zerfressenes Wrack /

Doch ich spüre den Takt, wie er immer noch bebt /

Das Einzige, was tief in meinem Inneren noch lebt“


Programmatisch für eRRdeKas Denke und Schreibe ist der Track „Frau für eine Nacht“, der von einer eigentlich kurzen Bett-Begegnung erzählt, die zu mehr Gefühlen führt. Wo die Geschichte bei Anderen in einem Happy-End münden würde, gibt es für eRRdeKa keinen anderen Ausweg, als wieder an der Theke einer Bar zu landen, um Einsamkeit und schlechte Gefühle zu ertränken.


An der einen oder anderen Stelle sind jedoch zu viele innovationslose Bilder und leere Symbole zu finden. „Aus den Gullideckeln schwappen Massen von toten Ratten“ (aus „Satan“) wird in abgewandelter Form seit Jahrhunderten benutzt, um bedrückende Stimmung zu evozieren. Das ist besonders schade, da man im nächsten Atemzug anhand von fast schreiend vorgetragenen Zeilen wie „Regenschauer schmettern wie Berettas auf Beton“ wieder den Eindruck hat, dass er es ja durchaus auch auf seine eigene Art und Weise kann.


Übel aufstoßen kann einem auch die Berechnung, die dem Ganzen manchmal anzuhaften scheint. Manche Dinge und Argumente werden auf „Paradies“ einfach zu offensiv breit getreten, um ehrlich gemeint zu sein. Wenn eRRdeKa zum dritten Mal betont, dass er unabhängig von der Unterhaltungsindustrie agieren will, möchte man nur noch den Kopf schütteln, müsste er es doch als Mediengestalter besser wissen. Ob man explizit sagen muss, dass man sich als „Kind von David Lynch“ sieht, anstatt es den Hörer einfach fühlen zu lassen, darf ebenfalls diskutiert werden, ist letztendlich aber wohl Geschmackssache.


eRRdeKa erfindet das Rad beziehungsweise die Melancholie-und-Drogen-Rapplatte nicht neu, er fügt dem Konzept jedoch einige Zutaten hinzu, die den Hörer überraschen und das Album besonders machen. Vor allem soundtechnisch ist „Paradies“ mit flächigen Synthie-Beats durchweg gelungen. eRRdeKa beweist, dass er sowohl zu cloudigen Klängen ruhig und nachdenklich von Einsamkeit erzählen („Das Meer und ich“), als auch druckvoll spitten kann („Diggi“).


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Text: Alina Klöpper


eRRdeKa – Paradies (Snippet)