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Degenhardt: “Sound zum frische Narben verbinden”

6 Januar 2015

Degenhardt

Foto: Degenhardt


Degenhardt beschäftigt sich mit Destruktion und Düsternis, ist aber gleichzeitig der vielleicht herzlichste Mensch dieser Welt und das Wort „Liebe“ wird bei ihm in riesigen Leuchtbuchstaben geschrieben. Das alles unter einen Hut zu bringen und ein angemessenes Portrait des Düsseldorfer Rappers zu zeichnen, fällt der hiesigen Musikpresse nicht leicht. Um den Mann mit der Mütze überm Gesicht näher kennenzulernen, unterhielt sich MeinRap.de mit ihm über seine Lyrics, Schokotörtchen und Spiderman-Schlafanzüge.


Ich will mit dir als erstes über den Themenblock Perversion sprechen, da die Wörter pervers und Perversion bei dir sehr präsent sind. Das könnte man an verschiedenen Lines festmachen, zuletzt an „Lovers Weepers“, da hast du sogar einen ganzen Track über das Thema. Was heißt Perversion für dich?

Perversion steht für mich auf jeden Fall für eine Abnormität. Wo man die festmacht, ist eine andere Frage. Ich sehe da nicht unbedingt dieses Spektrum, was im Kontext von Sex geduldet und okay ist, sondern mehr das, was einem in seinem eigenen Kopf oder Wertesystem Schwierigkeiten bereitet.


Also denkst du dabei nicht so sehr an die Außenwirkung?

Doch, auch, aber das ist mehr die zweite Instanz. Ich würde sagen, Perversion ist alles, was ein bisschen versteckt und problematisch ist, für einen selber erst mal und dann natürlich auch im Konflikt zur Außenwelt. Der Idealfall wäre, dass du all die Dinge, die besonders sind, die du feierst und die dich kicken, umgesetzt kriegst. Das ist das ganz große Glück oder es sollte das Ziel sein. Da würde ich jedem wünschen, dass er seinen metaphorischen Pimmel ausleben kann. Ich denke, dass es gesund ist, wenn du dir ein kleines „hihihi“ für zu Hause bewahrst, es sollte bloß nicht Überhand nehmen. Das sehe ich noch manchmal bei mir, dass das zu viel ist. Aber sobald alle Beteiligten damit cool sind, ist es nicht mehr pervers, ab da würde ich es als Spielart sehen. Das können von mir aus die dämlichsten Sachen sein, ob sich jemand als Pferd verkleiden will, auch das hat seine Legitimation, wenn es alle glücklich macht.


Ich habe ein bisschen Schwierigkeiten mit dem Wort „Perversion“, weil es einen Blick von außen beinhaltet, also eine Abgrenzung zum „Normalen“ ist. Ich stelle mir das als Bild mit einem Verteilungsdiagramm vor, in der Mitte wäre das Normale und am Rand sind die einzelnen Perversen verteilt.

Nee, in den Gedanken könnte ich gar nicht rein, weil ich nicht sagen könnte, welche sexuelle Handlung gut oder schlecht, welche normal oder unnormal ist. Das würde ich mir nicht anmaßen. Ich maße mir überheblicherweise an, einen Furry-Spasti als Pferd verkleidet komplett scheiße und unschön zu finden, auch wenn ich den Furry-Fetisch an sich ganz lustig und interessant finde. Für mich würde ich relativ klar definieren: Perversion ist das, wo es nicht funktioniert, deine Ideen gut umzusetzen. Oder vielleicht noch nicht, aufgrund von Handicaps oder weil du dich noch nicht traust oder nicht raffst, ob das wirklich gestattet ist. Natürlich kann man von außen rangehen und sagen: „Ey, selbst wenn das irgendjemand mitmacht, ist das schon sehr abnorm“ – aber solange niemand in irgendeiner Instanz verletzt wird, von mir aus. Ich muss mir das ja nicht angucken. Der Grund, warum das für mich ein sehr präsentes Thema ist, besteht in der entscheidenden Diskrepanz für dich selbst. Du merkst, dass du irgendwas feierst und kommst die fünf Minuten später nach dem Abwischen nicht mehr drauf klar. Dass man sich ein paar Sachen bewahrt, wo du sagst: „Da will ich nicht, dass meine Freundin weiß, dass ich mir darauf einen runtergeholt hab“, ist vollkommen gut. Aber es darf nicht Überhand nehmen, es darf nicht geiler sein, als mein komplettes reelles Sexualleben. Und was mir da im Zusammenhang auch wichtig erscheint, ist, dass es keine Sachen sein dürfen, die du verachtest, bei mir persönlich alles, was in Richtung Erniedrigung geht. Da sehe ich bei mir diese Diskrepanz sehr deutlich. Ich kann eine ganze Menge sexueller Sachen aus einem Trieb heraus verstehen, vielleicht kann ich mir sogar einen darauf runterholen. Aber hinterher kann ich mich selber dafür hassen, es ultraeklig finden – und genau da bildet sich ein persönliches Defizit, was ich noch nicht so ganz geregelt kriege. So was belastet mich unheimlich, auch aus meiner Romantik heraus.


Okay, mit so einer Erklärung kann ich besser mitgehen, das macht Sinn. Deshalb spielt es so eine große Rolle auch für die Musik?

Bei mir ist es ein persönliches Manko, wo man ganz deutlich dran arbeitet. Oder in einem ersten, idealen Schritt erst mal realisiert, wo das Problem liegt, das ist ja auch meistens schwer, das überhaupt zu checken. Das Problem ist dieses typische Bild „hihi, ein kleiner 13-Jähriger, der sich auf irgendwas einen runterholt“ – dieses Ding hab ich zu stark ausgebaut oder zu lange gelebt. Parallel hat sich meine Romantik völlig warm, weich und losgelöst davon entwickelt und ich hab es irgendwie nicht so oft geschafft oder mich bemüht, das vernünftig zu verknüpfen. Das heißt nicht, das ich nicht vieles reell ausgelebt habe, was ich so mag, aber irgendwie ist im Kopf immer so eine Wichser-Instanz geblieben, die ich unterbewusst auch teilweise in die Extreme getrieben habe, einfach nur, um eine Differenz zur Realität zu haben. Ich wollte etwas kleines Geheimes für mich und da es in der Realität alles dann auch ganz geil war, hab ich im Versteckten nach zwangsläufig unerfüllten Extremitäten gesucht. Da bin ich nicht nur Disney, was ja auch völliger Quatsch ist.


Das viel bemühte Disney – warum ist das für dich so wichtig?

Das ist für mich eine Dauermetapher für alles, was irgendwie heil ist. Disney ist die heile Welt – ich bin dann ganz ehrlich ein 12-Jähriger und da gibt es ein wunderschönes Mädchen. Es ist auch genauso ein Sonntagsessen bei den Eltern oder ein Kinderzimmer oder frisch gebadet sein, das ist einfach dieses Schöne. Was Disney ja nicht ist, Disney war ein f*cking Nazi, aber ich mein damit dieses heile Bild. Das ist ultrawichtig, das ist das Wichtigste der Welt … Und Disney ist auch mein Gedanke: „Ey, HipHop hin und her, Ghetto und Straße, ernsthafte Dinge, drauf geschissen! Ich will auf jeden Fall einen Regenbogen, das ist mir tausendmal wichtiger.“ Vielleicht nicht tausendmal wichtiger, aber das muss da sein. Für mich ist das noch mal von größerer Bedeutung wegen meinem Drogenscheiß, dass ich mich darauf konzentriere und auch darauf konzentrieren will, wieder diese simplen, schönen Sachen zu fokussieren. Ich will gar nicht versuchen, das irgendwie cool darzustellen, deswegen sag ich Disney. Disney ist Pocahontas und Schneewittchen, was man wirklich nicht ansatzweise als cool sehen kann, es ist Kinderkram und da geb’ ich mir ganz bewusst die Blöße. Das ist ein Spiderman-Schlafanzug und ein Spiderman-Schlafanzug ist sowohl peinlich als auch killer.


Wo du das schon eben gesagt hast mit dem Kontrast zu HipHop, ich wollte sowieso auf die Line „Es geht immer noch um Liebe, doch es gibt kein Battle“ zu sprechen kommen. Natürlich gibt es viel HipHop, wo Battles keine Rolle spielen, aber der Grundgedanke gehört dazu und du kehrst dich mit der Line bewusst davon ab. Das fällt auch im Allgemeinen besonders im Vergleich zu Loock auf, wo der Battleanspruch schon deutlicher vertreten ist. Wie kommt diese Abkehr mit der Tatsache zusammen, dass du trotzdem HipHop machst?

Kennst du das Originalzitat? Das ist ein ganz uralter Track, „Es gibt kein Battle“ von King Orgasmus One.


Nee, kenn ich nicht. Scheiße!

Gut vorbereit! (Gelächter) Die Aussage bleibt aber die gleiche, ich versuch dich mal zu retten. (lacht) Dieses Abwenden vom HipHop hab ich manchmal, weil gewisse Sachen peinlich sind. Ich bin immer leicht zu begeistern, aber genauso fehlt mir die Geilheit bei vielen Sachen. Ich kann mich mit so vielen Sachen im Rap gar nicht auseinandersetzen, weil sie mich irgendwie auf eine langweilige Art traurig machen. Ich lese nahezu alle Reviews und guck alle Interviews, also bin ich bestimmt kein Kurzschluss-Hater. Es ist auch selten richtiger Hate, nur so ein „ach naja hmm… ach!“-Gefühl. No Revolte, leider. Ich will ja kein Nestbeschmutzer sein in dem Sinne, aber ich würde bei gewissen Sachen sagen „Okay, damit hab ich nix zu tun.“ Cypher hier und Freestyle da, das ist nicht mein Ding, aber ich kann es trotzdem respektieren. Ich hab ja auch diesen superplumpen „I am HipHop“-Track gemacht, ich distanzier mich von gewissen Sachen, aber andersrum finde ich es viel wichtiger, Penis zu zeigen. Es ist wichtiger, irgendwas Sonderbares zu lieben, als Xavier Naidoo zu hassen. Durch so was bildest du dich als Person, du kannst entweder sagen „Ich hasse Xavier“ oder du kannst sagen „Ey, ich liebe Kaas“. Das kann auch sein, dass ich auf Avril Lavigne stehe, was vielleicht angreifbar und total dumm ist.


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